70 Jahre Kriegsende und die Reichsbürgerbewegung

Heute feiert man in Russland den Tag des Sieges, gestern beging man in ganz Europa den Tag der Befreiung. Durch Erzählungen meiner Familie bin ich mit dem zweiten Weltkrieg und seinem Ende recht vertraut, auch in meinem Gefühl. Deshalb will es mir nicht in den Kopf, dass es immer noch Menschen gibt, die sich das alte deutsche Reich zurückwünschen. Daher habe ich vor ein paar Tagen für den Ohrfunk folgenden Kommentar geschrieben.

In wenigen Tagen ist es so weit, dann jährt sich zum 70. mal das Ende des zweiten Weltkrieges. Die Medien überbieten sich mit Dokumentationen und diskussionen, mit Bildern und den letzten persönlichen Erinnerungen an diese schreckliche Zeit. Für viele einfache Menschen ist das alles nur kalter Kaffee, und manche wünschen sich sogar das alte deutsche Reich zurück.

Seit 1985 ein ehemaliger seelisch erkrankter DDR-Reichsbahnmitarbeiter begann, sich als Reichskanzler des deutschen Reiches zu bezeichnen, zu dem er durch die Alliierten ernannt worden sei, sprießen die sogenannten kommissarischen Reichsregierungen wie Pilze aus dem Boden. Ziel dieser neofaschistischen Gruppen mit ihren verunsicherten Anhängern ist es, in der BRD keine Steuern zu zahlen und zu beweisen, dass unser heutiger Staat gar nicht existiert. Dabei nutzen sie abstruse Theorien. Sie behaupten, die BRD sei 1990 von US-Außenminister Baker aufgelöst worden, obwohl derselbe Außenminister nachherr noch friedlich Verträge mit der BRD unterzeichnete. Sie behaupten, unsere Reisepässe seien rot, weil wir ein besetztes Gebiet seien, wo doch schon ein Blick in die Reisepässe der EU genügt, um zu zeigen, dass fast alle EU-Reisepässe inzwischen rot sind. Sie behaupten, selbst das Bundesverfassungsgericht habe bestätigt, dass das deutsche Reich noch existiere. Nun ist es schon unsinnig, dass sich die Verfechter dieser rückwärtsgewandten Ideologie auf das höchste Gericht eines Staates berufen, den es ja ihrer Ansicht nach gar nicht gibt. Doch auch sachlich ist ihre Behauptung falsch. Das Bundesverfassungsgericht hat lediglich gesagt, dass die BRD völkerrechtlich identisch mit dem deutschen Reich sei, also kein neuer Staat, sondern ein Staat mit Rechtskontinuität. Es wäre ja auch unsinnig, wenn man zum Beispiel Frankreich mit jeder neuen Verfassung oder mit dem Umsturz vom Kaiserreich zur Republik als neuen Staat bezeichnen würde. Frankreich existiert seit 1000 Jahren kontinuierlich fort, und die alten Verträge gelten auch für das heutige Frankreich. So ist es auch in Deutschland. Seit 1871 existiert das Völkerrechtssubjekt Deutschland, das auch mit den Weltkriegen nicht unterging, sondern sich nur neu organisierte. Die rechten Spinner, die sich hochtrabend Reichsbürger nennen, interessieren solche Feinheiten nicht. Sie zitieren Gesetze und Urteile unvollständig, lassen aus, was ihnen nicht in den Kram passt, und erfinden auch schon mal Urteile und Gesetze, die es gar nicht gibt.

Ich könnte noch Stundenlang über diese Reichsideologen sprechen, aber ihre Argumentation interessiert mich eigentlich nur am Rande. Ich frage mich, warum sie vom alten deutschen Reich, warum sie von Hitler und seinem Faschismus so fasziniert sind. Glauben sie, Deutschland ging es damals besser? Glauben sie, damals hätte es weniger Probleme und Ungerechtigkeiten gegeben? Glauben sie, Deutschland habe sich damals weniger an internationale Vereinbarungen gehalten und sei freier gewesen als heute? 70 Jahre nach dem Kriegsende wünschen sie sich in eine Zeit zurück, die ich nur als schreckliche Epoche kenne.

Ich bin noch mit den Kriegsgeschichten meiner Eltern aufgewachsen. Meine Großonkel wurden ermordet, weil sie Kommunisten waren, mein Großvater musste sich kurz vor Kriegsende verstecken, weil er – obwohl unpolitisch – für die Nazis nicht mehr arbeiten wollte in seinem Rüstungsbetrieb. Mein Vater wurde als 14Jähriger als Luftwaffenhelfer eingezogen, und meine Mutter erzählte davon, dass die SS drohte, unsere Siedlung am Stadtrand von Solingen mit Flak-Geschützen in Schutt und Asche zu legen, falls wir und unsere Nachbarn weiße Betttücher aus dem Fenster hingen, als die Amerikaner sich näherten. Und sie erzählte von der Todesangst, die sie hatte, als sie bei einigen Soldaten stand und sie nach der Lage fragte, als plötzlich die Amerikaner auftauchten und die Soldaten gefangennahmen. Meine Mutter ließen sie unbehelligt, obwohl sie eine Jungmädeluniform trug. Alle, die mir vom Krieg erzählten, berichteten von Hunger und Not, von Angst und Druck, von Mut und Ohnmacht. Es gab in unserer Familie und in unserer Bekanntschaft geistigbehinderte Menschen, die umgebracht wurden, es gab Juden, die wir kannten, und die plötzlich verschwanden. Aber es gab auch die Funktionäre und Kriegsgewinnler, und viele von denen, die mir diese Geschichten erzählten, wollten lange das schreckliche Ausmaß der Barbarei nicht sehen, die in ihrem Namen begangen wurde.

Was bringt junge, verwöhnte Wohlstandskinder dazu, sich diese Zeit, diesen Terror, diesen Hass, diese Unmenschlichkeit zurückzuwünschen? Sind sie einfach nur verblödet und geschichtsvergessen? Sie wollen nichts hören von der Vergangenheit, und wenn, dann nur Heldengeschichten.

Das dritte Reich endete im Blutbad und im Terror, im Wahnsinn und in einer europäischen Katastrophe. Millionen wurden vertrieben, und nicht nur Deutsche mussten jeden Tag Stunde um Stunde für ein wenig Essen anstehen, und oftmals gab es nichts. Dieses Problem gab es auch in England, Frankreich, den Niederlanden und vielen Ländern Osteuropas. Wir haben danach das größte Wirtschaftswunder des Kontinents erlebt, und wir haben von der Hilfe des ehemals feindlichen Auslandes profitiert. Uns geht es heute besser als den meisten anderen Menschen auf der Welt, einschließlich vieler europäischer Staaten. Zum Dank dafür beschimpfen und verachten wir Ausländer, fühlen uns als Opfer und behaupten, dass man uns seit 70 Jahren ständig mit der Nazikeule komme. Das Gegenteil ist der Fall: Naziverbrecher wurden schnell rehabilitiert und entlassen, während Opfer von Hitlers Gewaltherrschaft bis heute auf Entschädigungen warten. Wenn, liebe Reichsideologen, Deutschland immer noch das deutsche Reich ist, dann sollte man schnell zahlen, um seine Seele reinzuwaschen.

Vor 70 Jahren endete die Katastrophe des zweiten Weltkrieges. Wir heute wissen es noch, aber es sagt uns kaum noch etwas, es betrifft uns kaum noch, es rührt nichts mehr in unseren Seelen an. Ich für meinen Teil habe den Krieg zwar nie erlebt, aber vergessen werde ich ihn nie.

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