69. Die Welt spiegelt sich in Büchern

Warum Dresden ein Literaturhaus braucht und das alte Kraftwerk Mitte ein guter Standort ist. Plädoyer eines der Initiatoren

von Volker Sielaff

Ein Kraftwerk ist ein Ort der Wandlung und Verwandlung. Was dort Wandlungen durchläuft, nennen wir, ein wenig unbestimmt, Energie. Der moderne Zeitgenosse denkt jetzt womöglich an energy-drinks. Und nicht selten, zumindest im umgangssprachlichen Gebrauch, wird Energie mit Kraft gleichgesetzt: „Ich habe keine Energie mehr.“ Dann muss man „auftanken“, irgendwoher neue Energie beziehen. Ein Kraftwerk, das gern unterschätzt wird, weil seine Leistung sich nicht konkret in Zahlen ausdrücken läßt, ist die Kunst. Auch dieses Kraftwerk braucht ein Netz, in welches die vom Künstler verwandelte Energie eingespeist werden kann. Dieses Netz muß sichtbar und weit verästelt sein, damit es sinnvoll arbeiten kann, aber vor allem, damit die Energie dort ankommt, wo sie hin soll.

Was fällt einem nicht alles ein bei dem Wort Kraftwerk. In den Siebzigern gab es ein Elektropopband, die so hieß. Uns heute fällt wohl zuerst Fukushima und Tschernobyl ein. Wir sind ziemlich schnell beim Thema Energiepolitik. Bei Einstieg und Ausstieg, oder Ausstieg aus dem Einstieg aus dem Ausstieg, oder Ausstieg aus dem Ausstieg in den Einstieg.

Man darf bei soviel Sprachblüten an eine Energieform erinnern, die fast ganz ohne schädliche Nebenwirkungen für unser Wohlergehen ist: die Verfertigung und Verwandlung von Worten zu Sinn. Oder sinnvollem Unsinn. Die Literatur.

Um diese, die Literatur, ist in der Stadt nun eine wie ich finde belebende Debatte entbrannt. Zwei assoziationsstarke Begriffe haben in dieser Debatte zusammen gefunden: Kraftwerk und Literatur. Literatur kommt von littera, lateinisch, Buchstabe bzw. litterae für: Geschriebenes, Dokument, Brief usw. Im 18. Jahrhundert war noch von den „schönen Wissenschaften“ die Rede, erst im 19. Jahrhundert wurde der Begriff Literatur salontauglich. Auch die ersten Kraftwerke wurden im 19. Jahrhundert errichtet, damals noch von Dampf angetrieben.

Im Kraftwerk Literatur geht ist im Grund um die Verwandlung von Lebens- in Wortenergie: das Gedicht, der Roman, der Essay sind Kraftwerke des Geistes, vor deren Nebenwirkungen ausdrücklich gewarnt werden muß: Herzensbildung, emotionale sowie praktische Intelligenz und die Fähigkeit, sich dem anderen gegenüber deutlich ausdrücken zu können.

Was wäre also gegen ein Kraftwerk der Literatur im Kraftwerk Mitte einzuwenden? Es gäbe in der Stadt genügend Orte, an denen Lesungen stattfinden, wird von den Verteidigern des Bestehenden gesagt. Dem ist nicht zu widersprechen. Es gibt in Dresden hervorragende Leseveranstaltungen an den unterschiedlichsten Orten. Und es gehen die Lesereisen bedeutender Autoren regelmäßig an dieser Stadt vorbei. Man fährt nach Leipzig oder Berlin, seltener nach Dresden.

Um nur ein Beispiel zu nennen: an dem wunderbaren „Preis der Literaturhäuser“, an den sich eine Lesetour des Preisträgers durch mehrere Städte anschliesst, war Dresden nicht beteiligt. Und wenn, sagen wir, Michel Houellebecq oder Haruki Murakami, unzweifelhaft Autoren von Weltrang, nach Deutschland kommen – kommen sie dann nach Dresden?

Ein Kraftwerk der Literatur würde der Stadt noch aus einem anderen Grund guttun. Es wäre nämlich ein Ort, den jeder sofort mit Literatur verbinden würde. Außerdem ist ein Literaturhaus nicht ausschließlich ein Ort, an dem gelesen wird. Es ist auch nicht nur ein Ort, an dem sich ein versprengtes Häuflein Literaten trifft. Nein, ein Literaturhaus ist ein Labor für geistige Entwicklungen, ein Interaktionsraum für alles, was in Worten verhandelt werden kann, ein Ort der Bildung.

Ein Literaturhaus ist ein Ort, an dem die Geschicke des Gemeinwesens, unter ausdrücklicher Einbeziehung der klügsten Köpfe desselben, verhandelt werden können. Und es sollte sich mit den anderen Künsten, der Musik, der Bildenden Kunst, dem Theater, zum Nutzen aller Beteiligten, in gemeinsamen Projekten vernetzen.

Ein Literaturhaus ist nicht zuletzt ein Ort für die Bürger unserer Stadt, eine Art lebendiger Universität, an welcher der Künstler Bürger und auch schon mal der Bürger Künstler sein darf.

Ein Literaturhaus ist ein Energiesystem, ein Ort des Austausches, der Debatte und des Diskurses. Denn Bücher sind eben nicht zu ihrem Selbstzweck da. In Büchern wird der Zeitgeist verhandelt, wird geprießen oder abgewatscht.

Bücher gehen uns an, weil die Welt sich in ihnen spiegelt. Weil wir uns in ihnen erkennen: in Zustimmung oder Ablehung, nur hoffentlich nicht in Gleichgültigkeit.

Ein Literaturhaus in Dresden wäre demnach nicht einfach ein weiterer Ort, an dem Buchlesungen stattfinden. Es wäre Labor für neue Ideen, inclusive Cafe, Ausstellungsräumen, Gästezimmern, Räume für Initiativen und Vereine. Ein Literaturhaus besteht nicht nur aus einem Lesesaal mit knapp hundert Plätzen. Es ist mehr, viel mehr.

(Sächsische Zeitung v. 17. Mai 2011)


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