66. Textpraxis

Von Bertram Reinecke (Leipzig)

Keywords
„Biotop literarischer Zeitschriften“
„Schreibschuliteratur“
„heißt das, der Markt hat Recht, besonders, wenn es um Avantgarde geht?“
„fortschrittliche Junglyrik“
„ist Ulf Stolterfoht breitenwirksam?“

Die neue philogische Plattform Textpraxis sagt von sich selbst:

„Textpraxis veröffentlicht Beiträge aller philologischen Disziplinen zu den Themenfeldern Literatur und Gesellschaft, Theorien der Literaturwissenschaft sowie Literaturwissenschaft und Praxis. Alle Texte sind im Sinne von Open Access frei im Netz zugänglich“

Anders als in Universitätsbetrieb üblich widmet sich die erste Nummer zumindest mittelbar dem ungesicherten Feld unbekannter Gegenwartsautoren und deren Publikum. (Vielleicht liegt das daran, dass die Textpraxis im Umkreis eines ehemaligen Herausgebers einer Literaturzeitschrift entsteht?)

Steffen Dürre, seinerseits Mitherausgeber der Rostocker Zeitschrift „Weisz auf Schwarz“, stellt seine Betrachtungen unter dem Titel: „Das Biotop literarischer Zeitschriften“ vor. Ein Titel der sofort misstrauisch macht, denn vom Biotop literarischer Zeitschriften wird ja gerne dann geredet, wenn ein Text, oder gar eine Autorenutopie als ansonsten nicht lebensfähig abgewertet werden soll. Die Zeitschrift hält den Autor, den Text am Leben, außerhalb wäre er nicht lebensfähig. Man kann sich aber immer genauso gut auch auf den umgekehrten Standpunkt stellen: Die Autoren halten mit ihren Texten ihrerseits die Zeitschriften am Leben.

Steffen Dürre sucht zunächst Antworten auf die Frage: „Wozu eine Literaturzeitschrift?“ und fährt fort: „Diese Frage […] ist gleichbedeutend mit der Frage: Wozu ein Kino? Wozu ein Theater, ein Freigarten, ein Sportplatz? Wozu eine Bibliothek? “

Was sich als Analyse der Zeitschriftenszene gibt, entpuppt sich zusehends als Apologetik des eigenen Tuns. Ein Motiv seiner Arbeit sei nicht zuletzt die „Liebe zur feuilletonistischen Sprache“, bekennt der Autor.  Offensichtlich deswegen hat er keine Scheu vor vagen Behauptungen:

„Andere Literaturzeitschriften generieren ihre Texte aus Schreibwerkstätten oder Schreibstudiengängen ihrer Stadt (Hildesheim, Leipzig). Dies führt jedoch schnell zu Einseitigkeiten. Die häufig wiederkehrenden Namen erzeugen einen immergleichen Grundton, schaffen hingegen auch einen stabilen Fankreis. “

An welche Zeitschriften denkt der Autor hier überhaupt? Ein regelmäßiger Blick in „edit“ oder die „BELLA triste“, was wohl die bekanntesten Organe dieser Art sind, würde diesen Eindruck sicher schnell zumindest relativieren: Durch den meist raschen Redaktionswechsel kommen doch immer auch neue Aspekte herein und diese Zeitschriften scheinen mir zumindest nicht weniger in stetem Wandel lebendig als viele andere. Hier soll wohl das alte Vorurteil von der „Schreibschuliteratur“ wieder flott gemacht werden. Ärgerlich vor allem für die, die sich an diesen Instituten gegen den mainstream stemmen, der vor allem auch immer wieder von außen dort hereingetragen wird.  Außer dem „Federweißer“ oder der „minima“ seligen Angedenkens, die Steffen Dürres Verdikt ebenfalls zumindest nicht in vollem Maße betrifft, sind mir aus dem Umkreis mindestens des Leipziger Instituts ansonsten gar nicht so arg viele Literaturzeitschriften bekannt, auf die das gemünzt sein könnte. Vor allem überschätzt das Wort „generieren“ wohl etwas die Macht solcher Zeitschriften und tut so, als müsste man seinen Verstand irgendwo abgegeben haben, bevor man dort veröffentlicht. Der unglückliche Titel des Essays lässt sich mithin nicht als Mißgriff abtun, sondern beschreibt eine Haltung. Der Artikel fährt fort:

„Neben Schreibwerkstätten und Literaturinstituten sind Autoren- und Schreibforen im Internet zwar eine scheinbar schier unerschöpfliche Quelle, jedoch ist die Qualität der Texte in den meisten Fällen sehr bedenklich“

Wirklich bedenklich, geradezu gefährlich vielleicht gar? Während diese Stellen eher im negativen Sinne von der  „Liebe zur feuilletonistischen Sprache“ geprägt sind, hier wurde zumindest unbedacht formuliert, heben sich andere zumindest dadurch von Kulturspalten der Zeitungen ab, daß Roß und Reiter genannt werden, die globalen Behauptungen also jeder selbst prüfen kann. (Meinungsfreude wollen wir Steffen Dürre zugestehen):

„Einige der unzähligen Literaturzeitschriften versammeln sich unter dem Titel ›Junge Magazine‹ im Internet. Darunter finden sich Namen wie Edit, sic!, BELLA triste, lauter niemand, sprachgebunden, Kritische Ausgabe und viele andere. Das Internetportal dieser Jungen Magazine ist zwar als sich selbst perpetuierendes, sich als Einheit präsentierendes Forum geplant gewesen, scheiterte aber bald an Diskoordiniertheit und mangelnder Aufnahmebereitschaft. Die Seite ist faktisch tot und lebt nur noch pünktlich zu jeder Buchmesse wieder auf. […] Darüber hinaus gibt es unzählige Zeitschriften, die zwar nicht in einem Verbund arbeiten oder ihren Schwerpunkt auf das Internet legen, aber durchaus einen ähnlichen Wirkungs- und Intentionskatalog besitzen: Dulcinea, randnummer, Skarabäus, intendenzen, Wiecker Bote, Scharlatan und die Weisz auf Schwarz.“

Dies also das Biotop in dem sich die Zeitschrift sieht:

„Auch die Literaturzeitschrift Weisz auf Schwarz ist auf dem fruchtbaren Boden bracher Landschaften entstanden, eine grüne Insel inmitten von Inseln, zwischen denen die Brandung eines von Natur aus ignoranten Marktes ihre Auslese betreibt. Sie fügt sich ein in die Haarrisse, in denen sie Texte aufspürt, die ohne eine redaktionelle Arbeit nicht an die Oberfläche dringen und die ihnen gebührende Aufmerksamkeit bekommen können.“

Wen der schnelle Bildwechsel der letzten Passage irritiert, sei auf die vierte Ausgabe der „weisz auf schwarz“ verwiesen, in der Dürres Kollege Martin Stobbe das, was das Feuileton „vermutlich mißlungene Metapher nennen würde“, als Möglichkeit von „fortschrittlicher Junglyrik“ verteidigt, sich möglichst lange dagegen zu wehren, vom Literaturbetrieb aufgesogen zu werden.

Auch Steffen Dürre zeigt deutlich Distanz zum Markt, scheint das Projekt Literaturzeitschrift diesem Markt in gleichem Atemzug aber andienen zu wollen:

„Was sich dann als Qualität erweist oder als brauchbar kenntlich zeigt, wird sofort mit der Entdeckung vom Markt des Mainstreams aufgesogen, entavantgardisiert oder derart als Avantgarde gefeiert, dass diese Neuheit sogleich im Mühlrad des Literaturbetriebs nachgeahmt, kopiert und vervielfältigt wird und der Begriff der Avantgarde für derartige Literatur sogleich obsolet wird.“

Heißt also: Experimentelle Literatur, (was auch immer das ist) die nicht einen großen Verleger findet, und das „sofort“, ist unbrauchbar und minderwertig.  Ja der Markt hat Recht, besonders, wenn es um Avantgarde geht! Es ist also geradezu typisch für das per se sperrige, nicht marktkonforme, dass es gerade dadurch marktkonform ist. Ich weiß nicht ob sich zum Beispiel die Herausgeber  von karawa.net auf diesen Dürreschen Neusprech verpflichten lassen würden.

Hier hatte erwähnter Kollege Martin Stobbe 2008 noch vorsichtiger formuliert: „Was avantgardistisch wäre, wird, sobald es veröffentlicht und breitenwirksam als Vorstoß wahrgenommen wird eben durch diese Breitenwirksamkeit mainstream.“ (Aber auch hier fällt dem genauen Leser schon etwas auf: Entweder „Breitenwirksamkeit“ und „mainstream“ sind Synonyme, dann ist die Passage einen Halbsatz zu lang, oder nur die Avantgarde macht sich durch Breitenwirksamkeit verdächtig. Weil Breitenwirksamkeit eine Frage des Standpunkts ist, ist Ulf Stolterfoht breitenwirksam, Monika Rinck, Konstantin Ames? macht sich auch diese Passage bereits als mögliches Werkzeug des Avantegardebashings verdächtig.  Doch zurück zu Steffen Dürre. Dass seine Sichtweise eine (bedenkliche?) Schlagseite hat, machen die nächsten Sätze nur um so klarer.  Dass Erfolglosigkeit herkömmlichen Strickmustern folgender Literatur auch gegen diese spricht, möchte er nämlich nicht behaupten, sonst hätte er ja schon allein auf das Wort „kann“ im nächsten Satz verzichten können:

„Was hingegen altmodisch, konservativ und rückständig ist, kann sofort zum Kult erklärt und damit für den Markt wiederum verfügbar gemacht werden. Kult verkauft sich ebenso wie Avantgarde. Neuentdeckungen in der Literatur sind so kostbar wie Wiederentdeckungen. Was aus der Verschollenheit herausgeholt wird, ist so wertvoll wie eine Neuentdeckung. Hierin sind Literaturzeitschriften unermessliche und unerschöpfliche Potentiale, Venen, die frisches Blut in das Herz der etablierten Verlage transportieren. Die Texte müssen nicht ›avantgardistisch‹ sein, gerade gut erzählte Texte finden schnell in kleinen Zeitschriften viele Leser …“

(Interessant dabei, dass gerade eine Zeitschrift, für die das Letztere vor allem gelten könnte, von Steffen Dürre nicht mit einem Wort genannt wird. Nämlich die Rostocker Konkurrenz: „Risse“, der man allerdings eine übergroße Neugier darauf, was in anderen Literaturzeitschriften der Gegend passiert, auch nicht nachsagen möchte.)

Zu viel möchte man aber nicht kritteln, denn immerhin sorgen Steffen Dürre und sein ungenanntes Team dafür, dass Peter Wawerzinek, Harry Rowohlt, Oliver Kluck, Tom Bresemann, Selim Özdogan oder Ron Winkler in Rostock zu erleben waren.

Wir wollen zugestehen, dass es in Rostock noch schwerer ist, für Spezialliteraturen eine Öffentlichkeit herzustellen als in großen Zentren und dass dies manchmal die Perspektiven verschieben könnte.

Letztlich handelt sein Text also insgeheim von Literaturzeitschriften in mittelgroßen Städten, die sich auch als Zentrum von Literaturaktionen und Lesungen begreifen und (deshalb?) ihren Erfolg recht unmittelbar am (örtlichen) Publikumszuspruch zu ermessen sucht. Die „Zwischen den Zeilen“ erscheint zwar auch im eher kleinen Holderbank,  verortet sich aber lieber international. Aber so war ja bereits Steffen Dürres Einstieg formuliert: „Wozu eine Literaturzeitschrift? Diese Frage […] ist gleichbedeutend mit der Frage: Wozu ein Kino? Wozu ein Theater, ein Freigarten, ein Sportplatz? Wozu eine Bibliothek?“



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