59. Dada & Saum

Wenn man von diesen bedenklichen Fehl­leistungen im Zeichen von Dada absieht, bietet das „Du“-Heft doch auch viel Hilf­reiches zum Kontext der dadais­tischen Revolte. Der russisch-deutsche Dichter Valeri Scherstjanoi zieht zum Beispiel einige Ver­bindungs­linien zwischen der Laut­poesie Hugo Balls und der experi­men­tellen Dichtung des russischen Futu­risten Alexej Krucht­schonych, einem Freund und Weg­gefährten des radi­kalsten Avant­gardisten Russlands, Welimir Chlebnikow.

Aus welcher materiellen Substanz und topografischen Erfahrung der Futurist Welimir Chlebikow seine futu­ristische „Sternensprache“ schöpfte, unter­sucht nun ein Essay in der aktuellen Ausgabe, der Nummer 99 der Kulturzeitschrift „Lettre Inter­national“. Der Schrift­steller Wassili Golowanow kann hier zeigen, dass Chlebnikows Wortschöpfungen elementar verbunden sind mit der Land­schaft, in der er aufwuchs. Das poetische Ko­ordinaten­system Chlebnikows ist die Land­schaft rund um das Kaspische Meer – das Wolgaudelta, das seit je nicht nur ein uralter Transit­raum von Waren aus allen Konti­nenten war, sondern auch ein kul­tureller Geschichts­ort, an dem die Kraftlinien vieler Kulturen zusammenlaufen. Welimir Chlebnikow, der Sohn eines Vogelkundlers, hat nicht nur ornithologische Begriff­lich­keiten, sondern auch die bota­nischen und geologischen Merkmale des kaspischen Raumes in die Sprache seiner Poesie integriert. Daraus entstand dann der Entw­urf seiner soge­nannten „Zaum“-Sprache, eine magische, nach allen Seiten hin offene, Grenzen sprengende „Sternen­sprache“. Nach der Oktober­revolution irr­lichterte Chlebnikow zwischen den Fronten, wurde zweimal inhaf­tiert, erkrankte an Typhus und starb schließlich, von Krank­heit und Hunger ausge­zehrt, im Mai 1922 auf einer abgelegenen Station im rus­sischen Norden. Erst ein halbes Jahrhundert später wurde er europaweit zur Kultfigur der literarischen Avantgarde.  / Michael Brauns Zeitschriftenschau, Poetenladen

  • EDIT Heft 60  externer Link
    Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig, 144 Seiten, 5 Euro.
  • Du 11 (2012)  externer Link
    Du Kulturmedien, Stadelhoferstr. 25, CH-8001 Zürich. 114 Seiten, 15 Euro.
  • Lettre International 99  externer Link
    Erkelenzdamm 59/60, 10999 Berlin. 140 Seiten, 11,90 Euro.


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