5. September: Ludwig Erhard

Von Eulengezwitscher @Edda_Eule

Ludwig Erhard (1897-1977) war für die CDU Bundeskanzler von 1963 bis 1966.

Ludwig Erhard (Foto: Bundesregierung/Wegmann)

Er war der Kanzler mit der Zigarre: Ludwig Erhard. Sein Leben genießt er buchstäblich in vollen Zügen und auch seinen Landsleuten verspricht der Vater des Wirtschaftswunders werbewirksam "Wohlstand für alle" (siehe links). Das ist kein Wunder, denn der junge Erhard hat als Nachwuchswissenschaftler an einem Marketing-Seminar gearbeitet – und doch hat es tiefere Gründe, dass Erhard das Leben schätzt: Dreimal hängt es am seidenen Faden. Geboren 1897 in Fürth erkrankt der kleine Ludwig an spinaler Kinderlähmung. Glück im Unglück: Erhard kommt mit einem Klumpfuß davon. Auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs springt er dem Tod erneut von der Schippe. Zuerst übersteht er ein gefährliches Fleckenfieber und wird dann bei Ypern von einer Granate schwer verletzt. Als sich Erhard vom Krankenlager erhebt und das Lazarett verlassen darf, ist der Krieg zu Ende. Erhard bezieht jetzt in den Schützengräben der Wirtschaftswissenschaften Stellung, erwirbt ein Kaufmannsdiplom und studiert Betriebswirtschaftslehre. Seine Doktorarbeit verrät bereits den künftigen Manager der Währungsreform: Erhard promoviert über „Wesen und Inhalt der Werteinheit“. Seine große Stunde schlägt nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon in den frühen 1940er Jahren hat Erhard über die künftige Wirtschaftsordnung nachgedacht. Da er dabei mit dem Untergang des NS-Regimes und mit künftigen Kriegsschulden gerechnet hat, musste er vorsichtig sein, solange Hitler an der Macht war. Nach Kriegsende aber ist er als politisch unbelasteter Wirtschaftsfachmann ein Juwel für die amerikanischen und englischen Befreier. Erhard bereitet für die Besatzungsmächte die Währungsreform vor - und landet einen Überraschungscoup: Noch ehe der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay die endgültigen Pläne absegnet, verkündet Erhard die ersten Details.


Ludwig Erhard (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Die Deutschen nehmen ihn als den wahr, der er ist: ein Wirtschaftsexperte, der auch die Kunst des Politischen beherrscht. Auch der gerade gewählte Kanzler Adenauer sieht das (noch) so und beruft Erhard als Wirtschaftsminister. In der Regierung beweist Erhard, dass er nicht nur Währungsreform kann. Er kann auch Wirtschaftswunder. Der Schlüssel dazu ist die Soziale Marktwirtschaft: eine Wirtschaftsordnung, die maßgeblich von den Ökonomen Werner Eucken und Alfred Müller-Armack ersonnen worden ist und die Erhard nun Schritt für Schritt politisch ins Werk setzt. „Die Grundlage aller Marktwirtschaft bleibt die Freiheit des Wettbewerbs“, erklärt Erhard den Deutschen. Dann bedient sich der begeisterte Fußballer (Klumpfuß hin oder her) einer Sprache, die spätestens nach dem Wunder von Bern (im Eulengezwitscher: Fritz Walter und Helmut Rahn) alle verstehen: „Ebenso wie beim Fußballspiel der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, hat auch der Staat nicht mitzuspielen. Die Zuschauer würden es den Spielpartnern auch außerordentlich übel nehmen, wenn diese vorher ein Abkommen geschlossen und dabei ausgehandelt haben würden, wieviel Tore sie dem einen oder anderen zubilligten.“ Geheime Absprachen (Kartelle) sind verboten; gewisse Regeln brauchen Fußball wie Wettbewerb.“

Vater des Wirtschaftswunders (Foto: Bundesregierung/Müller)

Die Wirtschaft brummt und Deutschland klettert gewissermaßen über die Konjunkturkurve aus der Nachkriegszeit. Wer aber glaubt, die Soziale Marktwirtschaft bringe jedem Deutschen ein Rund-um-sorglos-Paket, der hat Erhard nicht verstanden: „Solche 'Wohltat' muß das Volk immer teuer bezahlen“, warnt Erhard, „weil kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat“. Solche mahnenden Worte gehen im ungeahnten Aufschwung allzu leicht unter. Die Deutschen haben allen Grund zu jubeln und dem jovial-optimistischen Erhard jubeln sie gerne zu. Als Konrad Adenauer abtritt, wird der im Volk beliebte Ehrhard zu seinem Nachfolger gewählt. Auch als Kanzler bleibt er ein Mahner. In seiner Regierungserklärung erinnert er daran, warum die deutsche Konjunktur brummt: „Lassen Sie mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes:“ Obwohl bald vom „Volkskanzler“ die Rede ist, steht die Kanzlerschaft unter keinem guten Stern. Adenauer, der nur das Kanzleramt abgetreten hat, nicht aber den Parteivorsitz, macht es Erhard schwer. Parteispitze und Fraktion haben nach kurzer Zeit kein volles Vertrauen mehr in den neuen Kanzler. Der kämpft derweil mit dem übergroßen Erbe Adenauers. In der Außenpolitik gelingt es ihm kaum, das deutsch-amerikanische und das deutsch-französische Verhältnis unter einen Hut zu bringen. In der Innenpolitik setzt ihn die erste Wirtschaftskrise unter Druck. Als der kleine Koalitionspartner FDP Erhards Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht mehr mitträgt, zerbricht das Regierungsbündnis – und mit ihm Erhards Kanzlerschaft. Nur drei Jahre hat er regiert. Dennoch wirken viele seiner wirtschaftspolitischen Einsichten bis heute nach. Besonders einschlägig ist ein Ratschlag zur Steuer- und Schuldenpolitik: „Der sozialen Fürsorge ist auch nicht damit gedient, durch immer höhere Steuerbelastungen die Produktivität zu schmälern oder auch durch fragwürdiges Finanzgebaren die Volkswirtschaft immer stärker zu verschulden. Auch diese Schulden müssen einmal zurückgezahlt werden."

Alle wörtlichen Zitate sind dem Internetauftritt der Initiative Neue Soziale Marktschaft entnommen. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Ludwig-Erhard-Stiftung bieten weitere Details zur Kanzlerschaft Ludwig Erhards. 

Bislang im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

  • Konrad Adenauer, der Gründungskanzler.

Am 7. September im Eulengezwitscher-Extra:

Kurt Georg Kiesinger, der Kanzler der Großen Koalition.