46. Was ist ein Gedicht (Laura Riding)

 Beitrag aus dem Lyrikwiki Labor (ich werde nicht nachlassen, hier Mitstreiter zu suchen. Es gibt immer Neues seit Ihrem letzten Besuch!):

Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und ist es nichts. Es kann nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden, weil es ein Vakuum ist. Da es ein Vakuum ist, kann der Dichter sich damit nicht schmeicheln, noch dafür Schmeicheleien einfordern. Da es ein Vakuum ist, kann es nicht vor Publikum wiedergegeben werden. Ein Vakuum ist unveränderlich und unverrückbar ein Vakuum – das einzige, was ihm zustoßen kann, ist Zerstörung. Wäre es möglich, es vor Publikum wiederzugeben, würde daraus die Zerstörung des Publikums resultieren.

(Aus: Laura Riding: Anarchism Is Not Enough. Berkeley, 2001, deutsch in: PARA-Riding, roughbook 015, 2011)

  • Laura Riding, Monika Rinck, Christian Filips: PARA-RIDING. Das Reiten und PARA-Reiten hebt an! Auf zum Parforce-Ritt mit Laura (Riding) Jackson (*1901 New York City, +1991 Wabasso). Doch halt, halt, halt … Da erschallt er auch schon, der böse Widerruf aus Nottinghams Wäldern: Es müsse endlich Schluss sein mit der Poesie! In conformity with the late author’s wish, her Board of Literary Management asks us to record that, in 1941, Laura (Riding) Jackson renounced, on grounds of linguistic principle, the writing of poetry: she had come to hold that „poetry obstructs general attainment to something better in our linguistic way-of-life than we have“. Monika Rinck und Christian Filips haben sich beim Übersetzen und Überschreiben von Laura Ridings Gedichten und Essays zunehmend gefragt, ob sie aufhören sollen mit dem Dichten und sich einfach der hier verheissenen besseren Lebensart widmen. Dabei stellte sich mit der Zeit das Verfahren des PARA-Ridings ein. Das Überschreiben von Texten, die, um wahr zu sein, nicht bleiben durften, wie sie waren. Und vielleicht gerade so wieder das wurden, was sie nicht mehr zu sein versprachen: Gedichte. 190 Seiten, Euro 12,- / sFr. 15.-. Kann hier bestellt werden.
Kategorien: Gedichte | Riding, Laura | Autorpoetik | Prosa | Lyrikbegriff | PARA-Riding

Textproben aus dem roughbook hier



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