4 Uhr morgens

Um 8 Uhr morgens wende ich mich im Bett um. Eine halbe Stunde lang, und noch eine. (Ja, manchmal Stunde, glaube ich kaum zuzugeben.) Schaffe ich es, Kleidung um mich zu hüllen, sieht ihr jeder an, dass ich gerade erst aufgestanden bin. Die Kleider erwecken den Eindruck, als befänden sie sich noch im Schrank, und ich mich im Bett, weil doch jeder sehen kann, dass wir noch nicht zusammen gehören, vielmehr an unseren Bestimmungsort zurückstreben, sie so also konvex um mich wehen, mich erst recht auf zwei Zentimetern Pfennigabsätzen unglaubhaft machen. Diese Nacht konnte ich wieder einmal nicht schlafen. Ich weiß, dass mir das in Berlin zweimal im Sommer geschah. Es hatte immer mit Prüfungen zu tun, erinnere ich mich, und weiß nicht recht, was ich davon halten soll, jetzt, wo keine ansteht. Ich plane also, den Kleidern ein Schnippchen zu schlagen, jetzt aufzustehen, Achseln und Beine zu rasieren, und in die Businesskleidung zu schlüpfen, mir ein prächtiges Frühstück einkaufen zu gehen, und so endlich auch den Eindruck zu erwecken, um 10, ich sei schon seit Stunden wach und hätte einiges erledigt. Aber man muss nicht einmal eine dekadente Langschläferin sein, um frühmorgens von niemandem erwartet zu werden. Im Supermarkt kann ich mich für keinen Käse entscheiden, (In Krakau gibt es einfach keinen salzigen Käse. Wie überhaupt kein wirklich würziges Essen. Ich war im indischen-, im Thai-Restaurant- entweder habe ich mir seit 15 Jahren tatsächlich die Magennerven oder so verätzt, oder ich habe Recht.) und der Putzmann wird wütend, denn nachdem um 3:30 neben mir die letzten Partyeinkäufer heraustorkelten, rechnet er einfach nicht mit einer Person, die unschlüssig das Käseregal auswendig lernt. Er weiß nicht, dass besagte Person tagsüber in einem Museum arbeitet, und Informationen durch das zirkelhafte Beschreiten allein aufnehmen und wiedergeben kann. Ich gehe spazieren, und auch hier erwartet mich keiner. Nicht das Pärchen, dass sich an jedes Schaufenster presst und küsst, auf dessen Route wir uns treffen. Nicht der Hundebesitzer, der eine Stunde wähnt, in dem niemand ihn erschreckt auf Deutsch anschreien kann. Der Betrunkene nicht, der nachdem er mich catcallte gar nicht weiß, was er in meine rotunterlaufenen Augen sagen soll, und der dann vorbeitorkelt, nicht der Obdachlose, der gemeinhin unbemerkt im Hinterhof unter meinem Fenster nächtigt. Wieder an diesem, auch nicht die schwanzlose rote Nachbarkatze, der der Kater aus "Breakfast at Tiffanys" ist, und der nicht versteht, wie ich ihm herzlos das Fenster öffnen und doch mein Zimmer verschließen kann. Das Zimmer selbst liegt im ersten Licht des morgens... Im Spaziergang habe ich gerade gemerkt, wie schön die Stadt ist, in der ich lebe. Wenn die Temperatur gut ist, noch keine Autos fahren... Ein paar verirrte, letzte Taxis, kleine Schnarcher einer ansonsten gleichmäßig atmenden, schlafenden Stadt. Wie bezaubernd die roten Kirchdächer, wenn ihre Glocken nicht klingen, wie einladend Cafés wirken, wenn keine Menschen sie füllen. In der Küche weit das Fenster öffnen. Es im Zimmer der Katze verschließen. Das Kleid ordentlich am Bügel aufhängen, das Bett machen, das im Wandschrank steht. Die Räume sind hoch, in Altbauten üblich, auch in den herzlos sanierten, der Hinterhof mit seinen Balkonen allerdings bleibt geteilt und angenehm unangemessen intim. Es ist ein neues möbliertes Zimmer, zwei Tische, ein Sofa, ein Sessel, ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Wandschrank, in dem sich das Bett befindet. Das Schönste bisher, und wie ich so wandelte, um diese Zeit, in diesen Graden, hier könnte ich bleiben, das habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Leichten Herzens hatte ich das letzte Zimmer zusammengepackt, die im Sommer nutzlos gewordenen samtenen Hosen und Röcke, geschäftig-knisternden, glänzenden Blusen, schwere, sanftmütige Mäntel. Aber auch die Leinenstoffe, die ich mir hier umhüllte, die einzigen, die ich nicht wünschte, von mir zu weißen. Das löchrige Bettuch, einzig dazu bestimmt, hier gelassen zu werden. Und während ich Schritt für Schritt, versuche eine Hängebrücke zu betreten, bei der ich nicht sicher weiß, dass ich hinter mir die Seile trenne und die hölzernen Pfosten, die irgendwas das irgendwie meiner Identität zusammen hielten, in den reißenden Bach unter mir fallen lasse, sondern sie versuche so zu bauen, das Zurückgehen nicht nötig, aber möglich ist, kann ich sogar manchmal um mich blicken und den Wald riechen, in dem Hängebrücken gebaut sind, und all die Sträucher zwischen den Pfosten, ebenso, wie trotzdem und immer: Leben heißt zwischen fremden Stühlen, möbliert ist es eben schon.