35 Jahre Moonraker: Anfang und Ende von James Bond

Erstellt am 29. August 2014 von Chrimarx @christophmarx2

Pure Kunst: Moonraker/art by danielgoozem

Vor 35 Jahren hatte der absurdeste und kindischte 007-Film aller Zeiten in Deutschland Premiere: Moonraker – streng geheim von Lewis Gilbert. Dada pur. Geliebt, gehasst, verspottet. Dabei ist er nicht nur der schönste, sondern auch der letzte große Bond. Das Ende einer Utopie. Und der Anfang von Daniel Craig.
Tatsächlich: Die Szenen sind peinlich und unwitzig, was besonders schlimm ist, wenn sie witzig sein wollen. Es ist zum Fremdschämen, wenn Roger Moores venezianische Gondel sich nach einer pittoresken Verfolgungsjagd durch die Kanäle Venedigs auf dem Weg zum Markusplatz in ein, nun ja, gondelähnliches Landfahrzeug verwandelt und völlig sinnbefreit dort seine Runden dreht, nur damit Gilbert und Wood ein paar laue Schenkelklopfer unterbringen können: u.a. eine blinzende Taube und einen Kellner, der vor lauter Schreck den Wein über die Hose des Gastes ausgießt. Die alte Torte-ins-Gesicht-werfen-Komik aus der Stummzeit, die Zehnjährige sicher gackern lässt, aber darüber hinaus peinliches Schweigen produziert. Ähnliche Kopf-Tisch-Gefühle überkommen auch dem leidensfähigsten Bondfan, wenn der berühmte böse Hüne mit dem Stahlgebiss, der “Beißer”, in den Ruinen einer zerlegten Seilbahnanlage plötzlich auf die Liebe seines Lebens trifft: ein kleines, blondes Grinsemädchen mit Sommersprossen und original Pippi-Langstrumpf-Zöpfen: Hänsel und Gretel. Auch wenn man diesen Dresscode eines BDM-Mädels mit etwas gutem Willen mit dem Nazihintergrund der Original-Flemingvorlage erklären bzw. entschuldigen will - letztlich ist diese Szene nicht weniger als die totale Kapitulation eines Bondfilms vor dem Kasperletheater.

Ja, es stimmt, es gibt sie, diese Szenen, es ließen sich noch zwei, drei ähnliche anführen, die das Peinliche und Dümmliche von Moonraker scheinbar axiomatisch begründen. Doch das ist nur die kleine, völlig unbedeutende Seite dieses Bond-Meisterwerks. Die Szenen stehen nur in ihrer Maßlosigkeit repräsentativ für den Film und sind vor allem dem kindlichen Gemüt des Regisseurs, eines ehemaligen Kinderstars, geschuldet und auch als Zugeständnis an die wichtige kleinwüchsige Zielgruppe zu werten.

Der Bond schlechthin

Der Klamauk verdeckt nur den Blick auf die Ästhetik und besondere Brillanz dieses Filmes. Er ist pure Kunst, gerade auch für Erwachsene. Kunst von der visuellen Umsetzung her, aber auch serienimmanent in der Binnenkommunikation mit den bis dahin zehn Bondstreifen vor ihm. Moonraker ist der selbstreferenzielle Bond schlechthin, „Oper und Comic“ (Bernd Zywietz) in einem. Wie kein anderer davor und danach lebte der Film von der stillen Komplizenschaft mit dem Stammpublikum. Er spielt manchmal subtil, manchmal offenkundig, mit den Standards der Serie und übersteigert diese so ins Definitiv-Ultimative, das es danach nicht weitergehen konnte wie bisher. „ MOONRAKER war letztendlich nichts anderes als der natürliche Schlusspunkt der Bond-Serie und nichts weniger als der letzte große Bond-Film“ (Olaf Brill). Der Film, die die ersten 17 Jahren mit einem großen Feuerwerk abschloss und der die in der Figur Bond konzipierte Utopie formschön vollendete. Also in dem Sinn der Bond schlechthin.

“An entire city in space”: Ken Adams Idee der schönen Weltraumstation

Form siegt über Inhalt

Das begann schon mit dem Plot. Denn in Moonraker geht es – entgegen dem Klischee – zum ersten Mal in wahrsten Sinne des Wortes um die Weltherrschaft. Denn kein Land, keine Rasse, kein Kontinent nein: alle sechs Milliarden Menschen auf der Erde sollen zerstört werden. Von außerhalb der Welt, vom Weltall aus, von einer gigantischen futuristischen Raumstation von Adamscher Schönheit aus. Diesem selbst für Bonddimensionen märchenhaften Plot entsprach die fast immer völlig frei schwebende Bondinterpretation von Roger Moore. War schon in seinen ersten drei Filmen Moores Darstellung von sanfter Selbstdistanzierung geprägt, schwebt er in Moonraker nun völlig schwerelos von Handlungsort zu Handlungsort, von Kontinent zu Kontinent, von Europa nach USA nach Südamerika und von dort in den Himmel. Immer kontrolliert, ohne jeden Schweißtropfen, mit Witz sogar noch im Raumanzug erlöst er die Menschheit vor der Auslöschung. Kein Film spiegelt mehr die eigentliche Bondutopie wider, ohne echte Anstrengung das Böse erledigen und dabei nebenbei auch das Schöne, in diesem Fall die Frauen, bekommen zu können. Die Utopie von der moralischen Reinheit eines Killers im Auftrag des Guten. Nur so konnte Roger Moore, ein glühender Pazifist, ganz in seiner Rolle aufgehen. Form siegt über Inhalt. Ein Traum wird Wirklichkeit, wie Hugo Drax in anderem Zusammenhang sinngemäß sagte.

Melancholie des Widerspruchs

Da allerdings der Film durchgehend die Unmöglichkeit der dargestellten Bondutopie kritisch reflektiert, durchzieht Moonraker trotz aller Leichtigkeit eine eigenartige melancholische Schwere, ja auch Traurigkeit, die sich vor allem in der musikalischen Ausgestaltung und in ihrer artifiziellen Kameraführung zeigt. Shirley Basseys tieftrauriger Titelsong, aber vor allem die sphärenhaften träumerischen Kompositionen von John Barry fallen da ins Gewicht. Wenn Roger Moore mitten im südamerikanischen Regenwald von einer unbekannten Schöne in das Pyramidenheim des Schufts geführt wird, wird dies von den märchenhaften Klängen Barrys untermalt. Oder wenn Bond und Goodhead auf dem Weg zur Weltraumstation sind, verleiht erst Barrys himmlischer „Flight into space“ dem Geschehen seine majestätische Tiefe. Der verträumte Binnenkosmos „Moonraker“ ist wahrhaft „out of this world“. In Schönheit vorher und nachher kaum erreicht. Bond war als Symbol zu Ende erzählt. Was folgte, war Echo und Wiederholung. Der Weg, der 2006 zu Daniel Craig führte, war unausweichlich geworden.


“Flight into the space” – John Barry

Der Autor arbeitet an einem Textprojekt über das Phänomen James Bond. Es trägt den Arbeitstitel “Der Sinn von Bond 007″ und soll im Spätherbst nächsten Jahres zu Start von Bond 24 auf den Markt kommen. Vormerken also!

Christoph Marx

Der Münchner Christoph Marx ist freier Publizist, Lektor und Redakteur und lebt und arbeitet in Berlin. Er veröffentlichte bzw. verantwortete inhaltlich zahlreiche Werke, v.a. zu historisch-politischen, gesellschaftlichen, sportlichen und kulturellen Themen.