3. Russisch und Nenzisch

Durch das Künstlerinnen-Projekt „Licht und Schatten“ und die Fotoausstellung einer Kollegin über das Konzentrationslager Ravensbrück wurde sie auf Jelisaweta Kusmina-Karavajewa aufmerksam: Eine Russin, die als erste Frau in Sankt Petersburg Theologie studiert und nach der Oktoberrevolution ihr Land verlassen hatte, in Paris Nonne geworden war, jüdische Flüchtlinge vor der Deportation zu retten versuchte und schließlich ihrerseits ins KZ geriet, wo sie 1945 den Gastod erlitt. „Skythische Scherben“ heißt ihr Gedichtband aus dem Jahre 1912, der die damals 21-Jährige in die Kreise von Anna Achmatowa und Ossip Mandelstam führte und Jahrzehnte später auch Ines Baumgartl faszinierte. Ihre Nachdichtung wird mit einem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg gefördert. Sprachklang und -melodie sind ihr dabei wichtig, ebenso wie bei ihren eigenen Gedichten (2009 erschien im Stralsunder Mückenschweinverlag ihr Debütband „Seerettungsamt“, der nächste trägt den Arbeitstitel „Ausflüge ins Perfekt“) und bei ihrer zweiten „Entdeckung“ Juri Vella, der dem Volk der Nenzen angehört. Ihm begegnete sie bei einer Sibirienreise 2008. Seine Gedichte waren zwar in russischer Nachdichtung zugänglich; Ines Baumgartl indes begeisterte sich für die Melodik des nenzischen Originals. Sie brachte sich Tonbandaufnahmen mit, um diesen Klang nachzuempfinden: „Das ist ein richtiger Trommelrhythmus, das Russische wirkt da viel zu prosaisch.“ / Susanne Schulz, Nordkurier



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