26. Stück: Theater als ephemere Kunst

Häufig frage ich mich, warum ein Theaterstück, das einem auf der Bühne vor Spannung den Atem raubt, einen zu einem Spontannickerchen verleitet, sobald man es auf Video schaut. Ich glaube, das liegt in der Natur der Sache. Theater ist eine ephemere, eine vergängliche Kunst. Jede Aufführung, jedes Publikum, jeder Abend ist anders. Es war vorher nie so, wie an diesem Abend und wird auch nie wieder genau so sein. Diese Vergänglichkeit ist es, die einem Theaterabend seine Magie verleiht, der aus Publikum und Schauspielern für ein paar Stunden zu Komplizen, einer eingeschworenen Gemeinschaft macht. Wenn man versucht das auf Video zu fixieren, ist der ganze Zauber im Eimer.

Leider gibt es immer wieder auch Theaterproduktionen, die das Ephemere zu ignorieren suchen. Heraus kommt ein ungemein anstrengender Theaterabend, in der die Schauspieler wahlweise in ein unerklärliches Inszenierungskorsett eingesperrt werden oder sich selbst so eitel und selbstverliebt gegenseitig beim Spielen bewundern, dass der Zuschauer sich ausgeschlossen fühlt. Wenn man sich selbst (und gegebenenfalls auch seine Kollegen) beweihräuchern möchte, kann man von mir aus ja gern sich irgendwo in einem Probenraum einschließen und sich gegenseitig super finden, aber wenn man beschließt, vor Publikum zu spielen, muss man auch für das Publikum spielen. Als Regisseur muss man sich selbst auch mal kritisch in Frage stellen und prüfen, ob man wirklich jeden eitlen Einfall, den man hatte, den aber außer man selbst keiner kapiert, partout auf die Bühne bringen muss. Bevor mich jemand missversteht. Ich bin nicht gegen Anspruch und das Verhandeln heikler gesellschaftlicher und politischer Fragestellungen auf der Bühne. Im Gegenteil. Bin ich sehr für. Aber man muss doch als Künstler auch ein Interesse daran haben, diesen Anspruch und diese heiklen Fragen auch dem Publikum zu vermitteln. Sonst ist es nämlich nichts weiter als ein selbstverliebtes Sich-toll-finden und das ist nervig und lästig und sollte bestenfalls keinem Publikum zugemutet werden. Das Ephemere des Theaters sollte parallel zur Vergänglichkeit des Lebens nämlich einfach mal ein ganz klein wenig demütig stimmen. Nicht devot, das ist etwas anderes, aber demütig. Dann entsteht auch wieder häufiger die Magie des Augenblicks und das Eingeschworene zwischen Schauspielern und Publikum, die das Theater einzigartig machen und die man nicht auf Video festhalten kann. Neben dem ephemeren Charakter ist auch die „leibliche Ko-Präsenz“ (z.B. Erika Fischer-Lichte), also das zur selben Zeit am selben Ort sein von Publikum und Schauspielern, für das Theater unentbehrlich. Theater, heißt es, findet statt wenn Schauspieler A eine Figur B spielt während Publikum C zuschaut. Heute, in Zeiten von Massentauglichkeit von Happenings, Performances, Hybridformen von Tanz, Musik und Theater, etc. kann man das sogar noch weiter reduzieren. Theater ist, wenn A etwas macht und C schaut währenddessen zu. Das klingt zunächst willkürlich und langweilig, wird aber gerade durch das Ephemere zu etwas Einzigartigem, das sich nie zuvor so ereignet hat und auch nie wieder in exakt dieser Form sich ereignen wird.


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