25. „um zu spüren, dass sie lebt“

Es duftet aus ihren Gedichten. Nach Heu, das, als der Regen kommt, so gut riecht wie nichts auf der Welt. Es leuchtet aus ihren Zeilen, weil die erste Frühlingssonne auf den nassen Asphalt fällt. Es klingt wie Musik, wenn sie beschreibt, wie der aufgetaute Schnee von den Dächern tropft. Selma Meerbaum-Eisinger brauchte nicht viel, um zu spüren, dass sie lebt. Das Gelb der Astern. Das Licht der Winternacht, in der sie mit dem Geliebten durch den Schnee schritt. Sie war so feinsinnig, wie es ein verliebtes Mädchen nur sein kann. Sie wurde nur 18 Jahre alt.

Selma Meerbaum-Eisinger hat in den wenigen Jahren vor ihrem Tod in einem deutschen Arbeitslager so berührende Gedichte geschrieben, dass die Lyrikerin Hilde Domin sie mit dem jungen Hugo von Hofmannsthal verglich. / Claudia Becker, Die Welt



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