1914 - ein Sommermärchen?

Von Eulengezwitscher @Edda_Eule

Tillmann Bendikowski zeigt, wie Deutsche den Kriegsbeginn erleben

Die Bilder sind Legende: Euphorische Menschenmassen feiern die Mobilmachung.  Das diplomatische Drama der Julikrise endet vermeintlich in einem skurrilen Happy End, denn in ganz Europa ist man begeistert: Endlich Krieg! Nach über vier Friedensjahrzehnten scheint man vergessen zu haben, dass Krieg kein Grund zur Freude ist. Der Historiker Tillmann Bendikowski (Medienagentur Geschichte) hat das angebliche Sommermärchen hinterfragt und mithilfe von Tagebüchern und Erinnerungen nachgezeichnet, wie fünf ganz unterschiedliche Deutsche den Krieg erlebt haben. Herausgekommen ist erzählte Geschichte - erzählt aus erfrischend ungewohnter Perspektive.

Tillmann Bendikowski

Sommer 1914

Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten

Erschienen bei C.Bertelsmann im Februar 2014. 464 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €.


Tillmann Bendikowski auf der Leipziger Buchmesse

Unterschiedlicher könnten Tillmann Bendikowkis Protagonisten nicht sein - und das ist genau so gewollt: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. spielt in der Julikrise (zumindest in ihrer späteren Interpretation) eine Schlüsselrolle. Der Historiker Alexander Cartellieri ist ein renommierter Professor der Uni Jena. Wilhelm Eildermann repräsentiert die Arbeiterklasse, Gertrud Schädla (eine Volksschullehrerin) die zunehmende Bedeutung der Frauen und der Dichter Ernst Stadler die kulturelle Elite. Sie alle haben Aufzeichnungen und Erinnerungen an den "Sommer 1914" hinterlassen (so der Titel). Das vereint sie zwischen Bendikowskis Buchdeckeln. Der Aufbau des Buches erlaubt verschiedene Lesemöglichkeiten: Von Juni bis Oktober 1914 ist jedem Monat ein Kapitel gewidmet und jeweils befasst sich ein Unterkapitel mit einer der fünf Hauptpersonen. 


Damit kann der Leser entweder monatsweise den Weg in den Weltkrieg aus verschiedenen Perspeketiven verfolgen oder die Eindrücke einer Person auf sich wirken lassen. Beide Varianten sind reizvoll - wie überhaupt das Buch ungewöhnliche Einblicke in den eigentlich gut ausgeleuchteten Sommer 2014 gewährt. Anfangs mag die  Kriegsbegeisterung allenthalben  groß sein. Aber Truppenauszüge bei fröhlicher Marschmusik sind eine Sache - die Nachricht, dass ein Bruder gefallen ist ist, eine andere. Gertrud Schädla notiert in ihrem Tagebuch:

Worte sind zu schwach, zu beschreiben, was durch unsere Seele ging. Unser herrlicher, jugendfrischer Ludwig, der uns nie den geringsten Kummer gemacht, der beste von uns allen, soll dahin sein, man kann es noch immer nicht fassen.

Gertrud Schädla muss noch mehr verkraften: Auch ihr zweiter Bruder stirbt gut einen Monat später. Gerade Tagebucheintragungen, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren (Gertrud Schädlas Aufschreibungen hat Bendikowski zufällig in einem Stadtarchiv gefunden) bestechen durch Authentizität. In ihnen muss man keine beschönigende Geschichtsklitterung befürchten, wie in den Memoiren großer Staatsmänner. In ihnen wird der anonyme Krieg konkret und persönlich dramatisch. Genau das ist die Erfahrung, die Bedikowski an den Leser weitergibt: Krieg ist nicht schön - und er wird auch nicht so wahrgenommen. Patriotische Gefühle, die zunächst in pathetischen Tagebucheintragungen Ausdruck finden, schlagen zusehends in tiefe Skepsis gegen den Krieg um, den man in seiner Unerbittlichkeit so nicht erwartet hat. Bendikowskis Buch lebt allerdings nicht nur von den Tagebucheinträgen und Erinnerungen seiner Protagonisten. Er selbst tritt gewissermaßen als Moderator auf, der die Eindrücke der Zeitgenossen gleichermaßen historisch fachkundig und in lebendiger Sprache kommentiert, um sie in eine zusammenhängende Erzählung zu gießen. So entsteht ein in sich stimmiges Bild ganz verschiedener Erlebnisse aus dem Sommer 1914, das lediglich von einem kleinen Wermutstropfen getrübt wird: Wilhelm II. kommt mitunter etwas zu naiv und einseitig rüber. Da zeichnen die jüngsten Forschungsergebnisse von Sean McMeekin und Christopher Clark ein etwas differenzierteres Bild des Kaisers, ohne seine in der Tat mitunter taktlosen und unbedachten Äußerungen zu verheimlichen. Aber diese Kleinigkeit kann dem Gesamteindruck nichts anhaben.

Fazit: Tillmann Bendikowski hat ein außergewöhnliches Format gefunden, dass unter den vielen Veröffentlichungen zum Kriegsausbruch vor 100 Jahren durch Originalität besticht und ein fünffach persönliches Bild vom Weg in den Weltkrieg zeichnet. Bei allen Verschiedenheit der Protagonisten ist die Botschaft des Buches aber eindeutig: Ein Sommermärchen war 1914 nicht...

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