19. Elytis’ Menschheitsbuch

Auf Paros schreibt Odysseas Elytis im Sommer 1954 den grössten Teil seines epochalen Werkes «To Axion Esti» (Gepriesen sei), ein Hauptwerk, das auch wieder Theodorakis vertonte, der es die «Bibel Griechenlands» genannt hat. Die hymnische Komposition ist bis in die kleinste Einzelheit durchdacht: Die prologische «Genesis», voller alttestamentarischer (Be-)Züge. Ein anderes, zeitloses Selbst erteilt dem schaumgeborenen Dichter, «der mit den Lippen im Urschlamm die Dinge der Welt schmeckt», Aufträge, wie: Sieh, hör, lies! Dem ersten Teil folgt die Passion, der «Sitz der Geschichte», die im 20. Jahrhundert fast ausnahmslos grausam über das Land hinwegfegte: nach der kleinasiatischen Katastrophe und vor dem Bürgerkrieg die Besetzung durch die faschistischen Achsenmächte. Und hier ist es, wo Elytis zum einzigen Mal auf die Bukolik anspielt, allerdings ohne alles Idyllische: «Es kamen / verkleidet wie Freunde / meine Feinde / traten auf uraltes Land und brachten die uralten Geschenke. Von den Schafen hörte man keinen Laut, nur den Wehlaut, wenn sie der Dolch traf.»

«To Axion Esti» endet mit dem apotheotischen «Gepriesen sei», das den Menschen aus dem Reich des Leidens ins Reich der Freiheit entrückt. Gemeint ist die Rückkehr zur Reinheit der Genesis in der Form der Verklärung. Der Dichter schreibt seinem Volk eine Mission zu, als deren Sprecher, man muss schon sagen «Künder» er selbst auftritt. Elytis, wie auch andere griechische Nationaldichter, entgeht damit der Gefahr der Mystifizierung der Geschichte nicht, er sagt es selbst: «Welch imaginärem Geschlecht war ich entsprossen.» Elytis’ «To Axion Esti» ist Kunst in einem hohen dichterischen Pathos, wie es innerhalb Europas so wohl nur noch in Griechenland möglich ist. Aber mit seinen unendlichen Bezügen zu Natur und Geschichte, Kosmos und Antike, Befreiungskampf und Weltkrieg ist es mehr als nur ein moderner Mythos Griechenlands – es ist ein Menschheitsbuch. / Manuel Gogos, NZZ 5.11.



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