140. Meine Anthologie: Diese aschkenasische Art

Von Lnpoe

In Deutschland geschriebene Gedichte sind auch deutsche Gedichte. Schon zu der Zeit, als die Merseburger Zaubersprüche aufgeschrieben wurden, lebten Juden in dem Teil des Frankenreichs, der später Deutschland wurde. Die schrieben auch Gedichte – auf Hebräisch. Sind sie auf Deutsch vorhanden? Stehn sie in Lesebüchern? Nein, oder kaum. Aber es ist auch unsere Geschichte.

1995 erschien bei Steidl ein deutsch-israelisches Lesebuch, deutscher Titel: Der Vogel fährt empor als kleiner Rauch, deutscher Mitherausgeber ist Christoph Meckel. Darin neben Gedichten lebender Dichter aus beiden Ländern hebräische mittelalterliche Dichtung aus Speyer, Worms und Mainz. Verramscht, vergessen.

Das folgende Gedicht hab ich aus einer englischen Sammlung. Ein anonymer Autor reist oder flieht aus Frankreich nach Deutschland ganz ähnlich wie viel später Heinrich Heine (der aber in umgekehrter Richtung floh und nur besuchsweise zurückreiste). Es ist irgendwann zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Meine Ausgabe ist zweisprachig Hebräisch und Englisch. Da ich leider kein Hebräisch kann, übersetze ich aus dem englischen Prosatext. Es handelt sich um sechszeilige gereimte Strophen, wenn ich die hebräischen Buchstaben richtig deute nach dem Reimschema: a a a b x b. Die jeweils letzten zwei Zeilen sind der durchgängige Refrain. Meine Übersetzung benutzt Reime und Halbreime, wo sie sich anboten.

Das nichtreimende (x) Wort in der vorletzten Zeile ist alman, Hebräisch für verlassen, verwitwet. Da es dem französischen allemand ähnelt, ist die Zeile im Original ein Wortspiel mit dem Gleichklang: Israel ist nicht verlassen / Israel ist nicht Deutschland. Meine Fassung verwendet abwechselnd beide Lesarten.

Reise nach Deutschland [1]

Als ich aus Frankreich kam
Und kam in Deutschland an
Fand ich die Leute grausam
Wie Vogel Strauß im wilden Dorn!
Oh, Israel ist nicht verlorn! [2]
Wer vergleicht Spreu mit Korn?

Freiheit hatte ich im Sinn,
Wollte vor Unfrieden fliehn.
Ach, Kummer war mein Gewinn.
Was hab ich hier verlorn?
Oh, Israel ist nicht Deutschland!
Wer vergleicht Spreu mit Korn?

Bereiste Elsaß kreuz und quer,
zu sehn wo Glück zu finden wär,
doch fand nichts weiter mehr
als daß die Weiber statt drunter drob´n!
Oh, Israel ist nicht verlorn!
Wer vergleicht Spreu mit Korn?

Diese aschkenasische Art, [3]
Finster der Blick, die Seele hart.
Männer mit Ziegenbart.
Verlogen von hinten bis vorn.
Oh, Israel ist nicht Deutschland!
Wer vergleicht Spreu mit Korn?

The Penguin Book of Hebrew Verse. Ed. and translated by T. Carmi. Harmondsworth: Penguin 1981, S. 453

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[1] Mittelalterliches Spottlied der sephardischen (West-) gegen die ashkenazischen (Ost-)Juden, die damals im Rheinland lebten.

[2] Verloren, hebr. alman, Wortspiel mit dem französischen Wort  für deutsch: allemand!  Also: Israel (=Frankreich, die westliche Judenheit) ist nicht Deutschland! Die Juden sind wir. Die Zeile aus Jeremia 51, 5. eigtl.: Israel ist nicht verlassen (verwitwet)

[3] Ashkenazim, die östlichen Juden im Gegensatz zu den Sephardim, den westlichen (spanisch/französischen) Juden.