116. Meine Anthologie 62: Richard Anders, Die Entkleidung des Meeres

Die Entkleidung des Meeres 

Er entkleidete das Meer
streifte seine Gewänder
eins nach dem anderen ab
und ließ sie
in der Bewegung von Wellen davonschweben

Doch als er
es zu umarmen sich anschickte
bemerkte er
daß mit den durchsichtigen Seiden
auch der Körper entflogen war

Die Wüste dehnte sich jetzt
bis dort
wo blaue Messer ihr ins Fleisch schnitten

Er schlüpfte in ein Skelett
und behauptete es gebe kein Meer
alle Fische seien wahnsinnige Vögel
Man solle diese Fata Morgana
mit Namen Meer
bei Strafe des Verdurstens
weder fregatten noch dampfern

Er sprach
bis ihm der steigende Sand
die Kehle brütete

Eine winzige Sirene
regte in dem fleischfarbenen Ei
ihre Federn und lachte

1969

Die Pendeluhren haben Ausgangssperre. Berlin: Edition Galrev 1998, S. 17. (Zuerst 1969) Jetzt in:  Das surrealistische Gedicht. 3. erw. Aufl., Zweitausendeins 2000, S. 1408f.


© (Für die Auswahl) Michael Gratz 2001.

 



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