11. Lessingförderpreis für Andreas Heidtmann

Lyrik ist keine Nische, Lyrik ist Welt

Dankesrede zum Lessingförderpreis, mit dem erstmals ein Verleger ausgezeichnet wurde

Erst seit wenigen, wenn auch intensiven Jahren bin ich als Herausgeber und Verleger tätig. In diesen Jahren rückte das Engagement für die junge Literatur ins Zentrum meiner Arbeit. Als Poetenladengründer zähle ich gerade sechs Jahre, als Verleger vier. Es ist auch der Grund der Auszeichnung, der sie für mich zu etwas Besonderem macht. Denn sie gilt ja nicht nur einem Autor, sondern, insbesondere, einem literarischen Vermittler für die „Gestaltung und Bewahrung der literarischen Vielfalt“.

Dass Autoren auch verlegen, ist vielleicht selten, vor allem ist es riskant, aber es ist nicht neu. „Ich habe alles, was ich noch in Vermögen gehabt, bis auf den letzten Heller zusammengenommen und in Gemeinschaft mit einem Freunde allhier eine Druckerei angelegt.“

So schreibt Lessing aus Hamburg. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Bode wollte er den führenden deutschen Verlag gründen, die besten Autoren versammeln, die Buchästhetik erneuern und den Autoren geben, was ihnen zustand. Der Namenspatron dieses Preises war also nicht nur Dichter, Dramatiker, Kritiker und Aufklärer, sondern auch Verleger. Sein verlegerischer Ansatz war kühn und verstand sich als demonstratives Gegenmodell zum etablierten Verlegertum jener Zeit. Erfolg allerdings hatte er nicht. Lessing stieg nach kurzer Zeit Hals über Kopf aus dem Abenteuer des Verlegens wieder aus.

Im Poetenladen erscheinen sowohl Lyrik- als auch Prosatitel, dennoch wird er in der Öffentlichkeit stärker mit seinen lyrischen Themen assoziiert. Das mag am Namen liegen oder an der Herkunft aus dem Internet. Während andere Verlage ihre Webpräsenz ausbauten, mutierte das ehemals reine Literaturportal zum Literaturlabel mit drei eigenstän­digen Bereichen: dem Internet, dem Verlag und dem Literaturmagazin. Es war eine Zeit, in der den Lyrikern die Verlage abhanden kamen und die junge Dichtung sich im virtuellen Raum ausbreitete. Das Netz allerdings ist keine Alternative zum Buch, sondern ein komplementäres Medium, das der literarischen Kommunikation dient.

Es liegt nahe, sich als junger Verlag um weniger umworbene Gattungen zu kümmern. Die Versäumnisse mancher namhafter Verlagshäuser, die ihre Seele dem Gewinnstreben geopfert haben, schafft neue Möglichkeiten für neue Verlage – für die so genannten Independents. So ist für uns Lyrik kein marginales Genre, nur weil es keine Rendite verspricht.

Wonach man sich als Verleger sehnt, sind Buchhändler, Redakteure und Bibliothekare mit lessingschem Geist. Wenn unsere Büchereien beispielsweise den Playboy abonnieren, aber Lyrik als Nische abtun, sind wir im geistigen Souterrain. Wie wollen wir Leser, junge Leser, an gute Literatur heranführen, auch zur Auseinandersetzung mit dem wunderbaren Genre Lyrik animieren, wenn vielerorts diese Literatur gar nicht erst in die Regale gelangt. Lyrik ist keine Nische, meine lieben Bibliothekare, Lyrik ist Welt. Lyrik ist ein Teil der Literatur, der Literatur von jetzt, Lyrik ist essentiell.

Es gibt hinreichend Belege, dass Lyrik sich im Medienspektakel behaupten und auch ihr Publikum finden kann. So startet ein befreundeter Verlag in diesem Monat mit einem Gedichtband auf Platz eins der SWR-Bestenliste. Der Lyrikkalender des Deutschlandfunks erreicht* täglich Zehntausende Hörer. Im März wird der diesjährige Chamissopreis für ein Buch mit Gedichten vergeben, die im poetenladen erschienen.

Ich habe Sachsen als Land mit großer literarischer Vergangenheit, aber auch großer literarischer Gegenwart kennengelernt. Für meine Arbeit erfuhr ich unentbehrliche Unterstützung. Nicht zuletzt gilt mein Dank den Literaten selbst, den unverzagten, unser Leben bereichernden Dichtern hier und andernorts.

Andreas Heidtmann, 2011

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*) erreichte: leider!




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