106. Meine Anthologie 84: Hafis, Engel sah ich gestern nacht im Traum

Von Lnpoe

Hafis

Engel sah ich gestern nacht im Traum
Schenkentüren schlagen, und aus Ton
formten sie den Erdensohn,
tranken danach auf sein Wohl.
Und des Himmels Bürger zechten mit
mir, dem Bettler, der am Wege sitzt.
Dem Himmel ward die anvertraute Last zu schwer;
ich, der Närrische,
bin ausersehen, sie zu tragen.
Jenen, die um Lehren Kriege führ’n, vergib!
Sähen sie die Wahrheit,
schlügen sie wohl nicht den Irrweg ein.
Lob sei Gott, daß er sich mir versöhnt!
Sufis haben tanzend ihm dafür gedankt.
Das ist Feuer nicht, in dem die Kerzenflamme
sich als Lächeln zeigt;
jene Glut ist wahre Glut erst,
deren Sein den Schmetterling verbrennt.
So wie Hafis weiß es keiner,
heimlichste Gedanken bloß zu legen,
seit die Feder der Rede Scheitel kämmt!

Aus: Hafis, Liebesgedichte. Übertragen von Cyrus Atabay. Frankfurt am Main: Insel 1980, S. 18

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Gestern zechend, traumverloren,
hörte ich es pochen leis:
Klopfend an der Schenke Toren
standen – Engel still im Kreis.

Unsers Vaters Adam Asche
taten sie in den Pokal,
Ihr vermählend aus der Flasche
edlen Weines Purpurstrahl.

Huldvoll bot der gotterkornen
lichten Welten sel’ge Schar
Mir, dem niedern Staubgebornen,
den gefüllten Becher dar.

Fassen können Himmelshallen
nicht der Liebe Herrlichkeit,
Und mir ist das Los gefallen,
das mich ihrem Dienst geweiht!

Auf die Kunde von dem Bunde
mit der Gnadensonne Glanz
Schlingen jubelnd in der Runde
Huris den berauschten Tanz.

Soll im Leben nie berühren
eitles Streben diese Brust,
Während Adam hie verführen
konnte eines Apfels Lust?

Zweiundsiebzig Glaubenslehren
klauben Worte leer und tot;
Ihnen tagt, sie zu bekehren,
nie der Wahrheit Morgenrot.

Flamme mag ich das nicht nennen,
was auf Kerzen freundlich blinkt;
Flamme ist ein lodernd Brennen,
das den Tod dem Falter bringt.

Bräuten in der Locken Ranken,
denen Schleier, leicht und licht,
Halb nur hüllen den Gedanken,
gleicht, o Hafis, dein Gedicht.

Muhammad Schams Ad-Din Hafis: Gedichte aus dem Diwan. Unesco-Sammlung repräsentativer Werke Asiatische Reihe Ausgewählt und hrsg. v. Johann Christoph Bürgel. Stuttgart: Reclam 1992 (Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe 1977. 1. 1992) S. 94f. (Dieses Gedicht übertragen von G. Jacob)

Im Hafis hatte ich von Zeit zu Zeit gelesen, ohne sonderlichen Eindruck zu empfangen. Das mag an der Auswahl und Übertragung gelegen haben, die ich zuerst benutzt habe. Die Ausgabe von Walter Wilhelm (Insel) gibt das Bild eines harmlosen Weintrinkers und Schwerenöters, der Goethes Urteil über den persischen Dichter nicht so recht ausfüllt. – Das ändert sich jetzt. Seit ich auf die Übertragung des deutschen Dichters persischer Herkunft Cyrus Atabay gestoßen bin, arbeite ich mich mit Hilfe mehrerer deutscher und englischer Fassungen langsam hinein. Eine Entdeckung! (In nächster Zeit hier mehr Fassungen und Kommentare!)

(Meine Anthologie 2001)