103. Laudatio auf die Lyrikerin und diesjährige Ringelnatz-Preis-Trägerin Nora Gomringer

Von Franzobel

Ich gestehe, ich hatte Bedenken gegen diese Laudatio, zu der ich mich breitschlagen ließ, ohne auch nur eine Zeile von Nora Gomringer gelesen zu haben. Ich hatte auch Bammel vor der Lektüre dieser jungen Lyrikerin, weil die alten Herren des Literaturbetriebs in ihrer Gier nach Frische oftmals junge Lyrikerinnen auf den Parnass stemmen, um sie, berauscht vom jungen Blut und den davon aufgewirbelten Fantasien, abzufeiern.

Auch hatte ich Skrupel, eine Laudatio auf eine Lyrikerin zu halten, da ich der Lyrik zusehends skeptischer gegenüberstehe. …

Auch die Lyrik hat sich mit der klassischen Moderne selbst einen Fuß abgeschnitten und sichergestellt, dass er nicht mehr angenäht werden kann. Seit sie Metrik, Versmaß und Strophenform aufgegeben hat, hatscht sie dahin und kommt kaum noch zu ihrem Publikum. Und dem nicht genug, kam in den 1950er-Jahren auch noch die Konkrete Poesie, deren Hauptvertreter justament der Vater der heute Auszulobenden ist, um mit der Beseitigung des lyrischen Ichs auch noch das verbliebene Standbein abzuhacken. Auch wenn sich daran längst nicht alle Gedichteschreiber halten, ist es, als würde die Lyrik in einem Rollstuhl sitzen und nur noch von ein paar Unentwegten angeschoben werden. Damit das aber keiner sieht, baut der Literaturbetrieb eine hohe Hermeneutikmauer, hinter der dann Ginster, Hortensien, Levkojen und wie das bei Literaturbetriebsdichtern so beliebte Zeug heißt, ungehindert, nämlich ohne durch breittretende Blicke der Masse gestört zu werden, sprießen können. / Mehr in der Art im Standard



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