100. Schreiben

Es gibt Stimmen, die sagen, Sprache wäre entstanden aus sich berührenden Gebärden. Wenn zwei Personen voreinanderstehen und die Phase der langsamen Annäherung geschafft ist, mag es dazu kommen, dass eine flache Hand auf die Brust des anderen gelegt wird. Oder, ein starkes Ding, die vier Hände schliessen sich so ineinander, dass alle Finger und Daumen mit ‘eingeschlossen’ sind. Taktile Reize. Berührungs-Meldungen! Der Daumen in seiner Druckbewegung sagt etwas anderes als der Zeigefinger. – Diese intensive Gebärde im Ganzen (vier Hände, 16 Finger, 4 Daumen) kommt mir vor wie der erste Hauptsatz, den Menschen gesprochen haben.

Ein sich Vorfinden im Raum für jede Person und beide im Zusammenschluss wird erlebt. Vielleicht ist die eine Seite aktiver als die andere. Oder die Finger bleiben still und nur die Daumen erlauben sich, den Handballen der Gegenperson in Druck und im Reiben zu erkunden.

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Dass die Sprache „auf etwas hin“ gerichtet ist, wird besonders beim Spiel Frage und Antwort klar. Diese Gesprächsfigur ist brüderlich, geschwisterlich. Denn in meine Frage baue ich ein Stück meines Gegenüber und der (erwarteteten, erwünschten) Antwort sein.

Ein Tipp fürs Denken und Schreiben wäre also, dabei mit sich selbst in einen Dialog zu treten und so zu tun, als wüsste ich das, was ich meinem eigenen Gegenüber erzähle, noch gar nicht.

Solche Konstellationen sind schöpferisch-produzierend.

/ Wilhelm Fink (Hamburg)