100 DVDs in 100 Wochen: Brazil

Erstellt am 25. Juni 2014 von Pressplay Magazin @pressplayAT
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Veröffentlicht am 25. Juni 2014 | von Jeannine Riepl

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100 DVDs in 100 Wochen: Brazil

Nummer 14 bei 100 Filme in 100 Wochen ist ein Film, der mir buchstäblich das Hirn weggefetzt hat: Terry Gilliam’s Brazil. Nachdem ich mir den Film angesehen habe, habe ich einige Tage Verschnaufpause gebraucht.

Kein anderer Film hat mich so fassungslos auf der Couch sitzen gelassen wie Brazil. In der DVD wird der Film so treffend beschrieben, dass ich also im Folgenden zitiere: „Brazil ist Orwells 1984 erzählt von einem, der auf einem psychedelischen Trip ist: Kafka revisited.“ Und der psychedelische Trip kann durchaus wörtlich genommen werden. Worum geht’s? Sam Lowry (Johnathan Pryce) ist ein Beamter eines gigantischen totalitären Staats – Big Brother lässt grüßen. Als er eines Tages einen bürokratischen Fehler entdeckt, der zum Mord an einen unschuldigen Menschen führt, bemüht er sich um Korrektur. Doch das Ganze stellt sich logischerweise als nicht einfach heraus und so wird er letztendlich als Terrorist vom Staat gejagt.

Soweit so gut. Schon zu Beginn nimmt der Film groteske Formen an, die eigentlich kaum mehr zu überbieten sind – doch bei einer Laufzeit von rund 124 Minuten werde ich eines besseren belehrt, angefangen von einer ziemlichen heftigen Razzia in der Wohnung des später unschuldig Ermordeten bis zu den absolut amateurhaften Erfindungen in der Wohnung von Sam. Um das bildlich zu beschreiben: Ein Haufen schwer bewaffneter Staatsangestellter stürmen von der Decke aus mittels eines Rohres die Wohnung, nehmen den Unschuldigen fest und stecken ihn in eine Zwangsjacke, die eine Mischung aus Einer flog über das Kuckucksnest und dem Sadomasokeller in Pulp Fiction ist.

Der Slogan über dem Informationsbeschaffungsministeriums ist “Verdacht schafft Vertrauen” – und das wird in Brazil gelebt wie in keinem anderen von mir zuvor gesehen Werk. Überhaupt: Rohre, ein ganz wichtiges Thema. Terry Gilliam konnte gar nicht genug von ihnen bekommen, in seinem Studio stapelte sich zu dieser Zeit eine ganze Kollektion und diese hat er allesamt in dem Film gepackt. Ganz ehrlich: So viele Rohre unterschiedlichster Art habe ich noch nie gesehen – wer schon bei einem normalen Kabelsalat überfordert ist und Angstzustände bekommt, der sollte sich Brazil auf gar keinen Fall ansehen – ihr seid gewarnt.

Ebenso ein großes Thema: Die Hürden der Bürokratie. Es gibt nichts, was nicht aufgezeichnet wird – obwohl uns das in unserer heutigen Zeit nicht irritieren sollte, bekommt man doch, naja sagen wir einen gesunden “Respekt” vor diesen Zuständen. Ich fühle mich leicht an jenen Asterix & Obelix erinnert, in welchem die beiden Gallier von einem Zimmer ins Nächste geschickt werden – das war noch ein Spaziergang im Gegensatz zu den verwinkelten und komplexen Vorgängen in Brazil. Nächstes Thema: Schönheitsoperationen. Sam’s Mutter ist besessen vom jugendlichen Aussehen, ebenso wie ihre Freundin, bei der allerdings alles schief geht, was so schiefgehen kann. Später stirbt sie sogar an den Folgen ihrer zahlreichen verpfuschten Operationen und wird in einem rosa Sarg – mit extra großer Schleife – mehr oder weniger betrauert.

Kommt ihr noch mit? Nächstes Thema: Liebe. Ja, auch in Brazil gibt es Platz dafür. Sam verliebt sich nämlich in die burschikose Jill (Katherine Helmond), welche er vor dem System retten will und letztendlich sogar mit ihr im Bett landet. Übrigens besonders irritierend mit dem Satz „Willst du etwas Nekrophilie treiben?“ eingeleitet. Okay, dazu muss ich erklären, dass Sam sie zuerst offiziell für tot erklärt hat, damit die bösen Bosse sie nicht mehr kriegen können. Deswegen also dieser Satz, wobei – what the fuck?! Egal, nachdem ich über diesen Schock hinweggekommen bin, geht’s auch schon wieder weiter. Mitten im Liebesnest gibt es wieder eine Razzia – ebenso so subtil wie jene zu Beginn des Filmes – und die beiden sind wieder auf der Flucht. Sam wird geschnappt, Jill stirbt. Okay, nun sollte der Film eigentlich zu Ende sein. Aber nein, da hat Gilliam noch nicht genug Groteske in einen Film gepackt.

Denn nun befinden wir uns gemeinsam mit Sam in einer Gummizelle, in welcher ihn der Minister in einem Weihnachtsmannkostüm besucht. Nicht irre genug? Kein Problem: Der Weihnachtsmann sitzt zudem noch in einem Rollstuhl. Nun beginnt auch schon die lustige Folterung oder sollte zumindest beginnen. Denn jetzt seilt sich ein Terrorist namens Tuttler (achja, übrigens: Robert De Niro) mitsamt Gefolge von der Decke ab und befreit Sam. Wieder auf der Flucht schießen sich die beiden den Weg frei – wohin auch immer – und landen schließlich bei der absurden Beerdigung der Freundin von Sam’s Mutter. Tuttler ist übrigens zuvor in ein Zettelmonster verwandelt worden und verschwunden. So schnell kann’s gehen.

Aber zurück zur Beerdigung: Wie gesagt, rosa Sarg, riesige Schleife. Als Sam unabsichtlich am Sarg ankommt, flutscht auch schon die tote Freundin als Gatschhaufen raus. Sehr appetitlich. Und zu guter Letzt gelingt ihm dann tatsächlich die Flucht gemeinsam mit Jill. Jill? Die die schon einmal tot war und dann noch einmal? Ja, genau die.

Verwirrt und irritiert, gleichzeitig aber mit offenem Mund auf der Couch sitzend hier also meine Empfehlung: Wer kein Geld für Drogen oder Alkohol hat, ist mit Brazil gut bedient (natürlich auch alle die dafür Geld haben, aber egal). Der Film ist derartig grotesk (man kann es kaum anders ausdrücken), dass man ihn auf jeden Fall mal gesehen haben MUSS. Hinter dem ganzen Irrsinn steckt nämlich auch jede Menge Kritik an allem möglichen. Sehenswert! Nächstes Mal geht es weiter mit: Alles über Eva.

Tags:100 DVDs in 100 Wochen


Über den Autor

Jeannine Riepl Aufgabenbereich selbst definiert als: Background-Infosammlerin im Bereich Film und TV. Findet dass “Keine Feier ohne Geier” einer der witzigsten Sätze in der Geschichte des Disney-Films ist.