10. November 2010, Von Wölfen, Sternenkindern und Mülltonnen, 5.52 Uhr

Das Kind ist wieder zurück, endlich, denn die Madame hat Wort gehalten, hat sie aus den schrecklichen Kammern ihrer Spielhölle zu uns nach Hause entlassen, wir schlossen sie dankbar in die Arme, da bist du ja, ja, ja, schrie auch das Sternchen, aber warum habt ihr das denn getan, fragte der Kindermund, was denn, fragten wir zurück, ihr habt mich verspielt, nie, beruhigten wir sie, nie würden wir so etwas tun, sie war das Entführungsopfer der schrecklichen Madame, die sich diesen üblen Scherz einfach erlauben wollte, die Madame, die seit Anbeginn der Menschheit Schabernack mit den Herzen der Erdbewohner treibt, die für so manche Überschwemmung verantwortlich zeichnet, die gar die Sintflut über den Planeten schwappen ließ, das Sternchen, unser geliebtes Sternchen, die heute Geburtstag feiert, konnte es gar nicht glauben, aber, sagte das Sternchen, sie war so nett, ja, sagten wir, sie ist immer nett, aber sie schmiedet Pläne, strickt an Schicksalen wie andere Frauen an Pullovern, sie konnte es noch immer nicht sehen, denn die Madame hatte sie mit Kuchen und Schokolade gemästet, aber zum Glück war sie nun zurück, denn es gilt ja heute ein Fest zu feiern, der Vogel, erzählten wir dem Sternchen, der Vogel war krank, vergiftet, man kann da manche Theorie spinnen, wer hinter diesem Anschlag steckt, wir waren auch gestern noch einmal beim Tierarzt, erzählten wir dem Sternenkind, ein Mann mit roten Backen, der vor Lebenskraft nur so strotzt, der kann Leben retten, sagte ich, wir saßen da im Wartezimmer, Stunde für Stunde, man kam mit den Leuten ins Gespräch, und plötzlich erkannte mich eine Frau, sie sagte, Guido, ja, sagte ich, es war eine Schulkameradin, ist das schon zwanzig Jahre her, fragte sie, ich sagte, nö, vielleicht vier oder fünf Tage, wir plauderten, sie hat einen ganzen Zoo zu Hause, auch einen Mann, der sich aufs Schlafwandeln versteht, das ist ein ehrenwertes Geschäft, ja, was denn, fragte das Sternenkind, das Schlafwandeln, aha, sagte das Sternenkind, sie fragte nicht weiter, ich beschloss, ihr später mehr darüber zu erzählen, schon wurden wir aufgerufen, wir gingen hinein zum rotbäckigen Lebensretter, der untersuchte den Adler, verschrieb uns eine Medizin, im nächsten Moment durften wir gehen, wir schlichen uns aus der Hintertür, weil es eine alte Sitte dort ist, still und heimlich aus dem Hintereingang zu schlüpfen, ein seltsames Haus, vielleicht werde ich einmal mehr darüber schreiben, und so sind wir nun wieder hier, die Seraphe ist wach, sie räumt und klammert und legt zusammen, wir werden das Sternenkind mit einem Lied im neuen Lebensjahr begrüßen, ich wollte schon enden, da fiel mir noch meine Illusion ein, denn mit so einer Illusion beginnt so mancher Morgen, stand ich doch kurz nach dem Aufstehen auf dem Balkon, ich stand da und produzierte Rauchwolken, im linken Auge hing mir noch ein Traumsplitter, ich rieb mir das Auge, sah zur gegenüberliegenden Straßenseite, da sah ich dort einen ausgewachsenen Wolf sitzen, Sie können mir das glauben, denn es gibt kaum einen Ort auf der Welt, der so sehr mit Wahrheit durchtränkt wäre, ich schüttelte den Kopf, das konnte doch nicht sein, was macht denn ein Wolf hier, dachte ich, nahm noch einen tüchtigen Zug von meiner Zigarette, sah wieder hoch, da entpuppte sich der Wolf als Mülleimer, ich lächelte, dachte, ja, mit so einer Illusion lässt sich der Tag gut an, ich ging hinein, griff meinen Kaffee, setzte mich nieder, schrieb, und, was soll ich sagen, Sie lesen es gerade.