Wie genau bringt man einen Anime nach Deutschland?

Wie genau bringt man einen Anime nach Deutschland?Vielen Dank an Erik Stadel von KSM Anime, der sich die Zeit genommen hat und gemeinsam mit uns diesen Info-Artikel erarbeitet hat. Teil 1 handelte von Manga, doch heute widmen wir uns ausschließlich den Anime!

Wir haben KSM einige Fragen zum Thema, wie ein Anime nach Deutschland kommt, gestellt. Hoffentlich habt ihr dadurch auch ein bisschen etwas Neues gelernt. Unsere Fragen wie immer in Orange. Also lasst uns anfangen:

Wie viel Zeit vergeht im Schnitt zwischen dem Erwerb einer Lizenz und der Ankündigung?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, aber oftmals können mehrere Monate ins Land ziehen bis wir eine Lizenz ankündigen. Das hat folgende Ursachen: Wir können aufgrund unserer relativ großen Anzahl von Veröffentlichungen nicht jeden Titel direkt oder zeitnah herausbringen, da unser Release-Kalender fast keine Lücken aufweist. Dann gibt es noch die Produktionszeit, die je nachdem, wie groß das Projekt ist, auch viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Hierbei geht es vor allem um die Synchronisation, die ein ganz schöner Zeitfresser sein kann. Da wir jede Serie immer komplett synchronisieren lassen und nicht nur Staffel für Staffel anfertigen lassen, dauert es ein wenig länger.

Das hat allerdings den Vorteil, dass wir mit der Synchro nicht Gefahr laufen in Verzug zu geraten. Wenn wir einen neuen Titel lizenziert haben, wird dieser in unseren Release-Kalender eingetragen und dann steht auch schon fest, wann spätestens die Produktion beginnen soll. Dann muss man eigentlich schon den Titel bekannt gegeben haben, da der Titel sonst sowieso meistens geleakt wird. Ob durch die Synchronkartei oder spätestens durch die FSK. Das sind für mich Deadlines, auf die ich achten muss, wenn ich plane mit einer neuen Lizenz an die Öffentlichkeit zu gehen.

Wonach wählt ihr die Anime aus, die ihr eurer Produktpalette hinzufügen wollt? Spielt für euch hier hauptsächlich deutsches Interesse eine Rolle oder schaut ihr auch auf die japanische Beliebtheit?

Wir haben mittlerweile die Erfahrung gemacht, dass es nicht wirklich lohnenswert ist nach Japan zu schauen, da der deutsche Markt sich anders verhält. Wenn ein Titel in Frage kommt, weil er gerade angeboten wird, schauen wir erstmal durch verschiedene Foren (deutsch- und englischsprachig) und verschaffen uns so einen Überblick über die Community. Dann versuchen wir abzuschätzen, wie dieser Titel hier in Deutschland angenommen werden könnte und kaufen ihn ein oder müssen es eben lassen. Der andere Weg ist, dass wir auf einen „Hype-Titel" aufmerksam werden, über den sehr viel in der Szene gesprochen wird. Dann haben wir von Anfang an eine bessere Einschätzung, aber es ist auch schwerer an solche „Hype-Titel" zu kommen, da natürlich die Konkurrenz um solche Titel wesentlich größer ist.

Wie wird entschieden wie viele Exemplare für Limited Editions als auch für normale Editionen produziert werden und wer entscheidet?

Sowas wird in einem monatlichen Meeting entschieden. Hierbei werden die Zahlen von „vergleichbaren" Titeln berücksichtigt sowie die Stimmung in der Community. Es gibt einen relativ verlässlichen Käuferstamm, mit dem wir meistens rechnen können und alles was darüber hinausgeht ist natürlich gut. Im Falle von Overlord haben wir die Limitierung möglicherweise zu klein angesetzt, aber vielleicht war es auch genau diese Limitierung, die den Titel so erfolgreich gemacht hat. Solche Vorgänge kann man nie zu hundert Prozent klären, da man nicht noch einmal den Titel herausbringen kann.

Produziert ihr gut ankommende Anime auch ein zweites Mal, sollte schon alles vergriffen sein?

Bisher mussten wir das nur bei wenigen Titeln machen, da unsere Produktionsmenge eigentlich immer ausgereicht hat, um den Markt zu bedienen. Es ist aber schon seit jeher der Plan gewesen, nachdem die limitierte Fassung ausverkauft ist, einen regulären Release auf den Markt zu bringen. Diesen natürlich nicht so aufwendig produziert wie das limitierte Pendant.

Ihr seid ja auch ein etwas alter Hase, was das Anime-Geschäft betrifft. Was würdet ihr also sagen, ist den Käufern und was euch selbst am wichtigsten, wenn es eine Neuerscheinung gibt?

Das ist immer unterschiedlich, aber der Konsens beläuft sich auf einer gescheiten Synchro (auch wenn die OmU-Fassung natürlich nicht fehlen darf) und einer guten Optik. Die Käufer wünschen sich natürlich auch immer noch eine schöne Palette an Extras in der Box, nur sind diese nicht immer so einfach umzusetzen. Mit Digimon Adventure tri. z. B. haben wir meiner Meinung nach eine richtig tolle Fassung auf den Markt gebracht. FuturePak als Verpackung, so gut wie alle alten Synchronsprecher, deutsche Fassung des Opening-Songs, Mini-Aufsteller und noch Interviews mit den Synchronsprechern. Das ist ein Release für Liebhaber und wir hoffen natürlich, dass dieser auch angenommen wird.

Eure Produktpalette umfasst vermutlich hunderte von Anime, gab es hier einen der euch besonders ans Herz gewachsen ist, oder eine Geschichte zu einem, weil es bei diesem nicht so reibungslos vonstatten gegangen ist?

Ans Herz gewachsen ist mir Blood Blockade Battlefront. Das ist einfach ein geiler Anime, den ich auch sehr gerne geguckt habe. Nichts von der Stange, gute Charaktere, eine Story, die mit fortschreitender Entwicklung immer komplexer wird. Zudem ist die Optik einfach nur bombastisch.

Ein etwas komplizierterer Titel war Arpeggio of Blue Steel. Den mussten wir ca. sechs Monate immer wieder verschieben, weil es Probleme mit verschiedenen Produktionsstandards gab. Das europäische Marineblau entspricht scheinbar nicht dem japanischen 😉 Dennoch haben wir es geschafft mit unseren Lizenzgebern auf einen Nenner zu kommen und konnten das Produkt auf den Markt bringen.

Wie genau entscheidet ihr, wie das Cover gestaltet wird? Haben die japanischen Lizenzgeber da ebenfalls Einfluss darauf?

Eigentlich fast immer. Die Lizenzgeber haben nur eine Hand voll Artworks, die ausschließlich für Cover verwendet werden dürfen. Das bedeutet, dass wir nur auf einen recht kleinen Pool an Motiven zurückgreifen können. Dann gibt es auch noch viele andere Vorgaben, die erfüllt sein müssen. Z. B. dass bei einer Veröffentlichung mit drei Volumes alle Hauptcharaktere auf den drei Volumes verteilt drauf sein müssen. Problematisch wird es dann, wenn man mitbekommt, wer für die Lizenzgeber zu den Hauptcharakteren gehört 😉 Aber mit Geduld und Durchhaltevermögen schafft man auch solche Hürden.

Bekommt ihr zum Übersetzen die Originalskripte? Übersetzt ihr diese selbst? Richtet ihr die Synchronisation nach dem Sub oder den Sub nach der Synchronisation?

Wir bekommen das Script und lassen es übersetzen. Dann wird die Übersetzung vom Produktmanager auf Kontinuität geprüft und ob bestimmte Bezeichnungen richtig gewählt sind. Das ist dann der Dub und anhand dessen wird bei uns auch der Sub angefertigt.

Werden mehrere Volumes meistens an einem Stück vertont oder werden die Sprecher für jedes Volume dann neu einbestellt?

Ich glaube diese Frage hatte ich schon in einer der anderen Fragen angerissen. Wir lassen immer die ganze Serie vertonen, Ausnahmen sind hier aber z. B. Serien mit sehr vielen Folgen. Naruto oder Gintama z. B. Aber eine Serie mit 12 oder auch 24 Folgen machen wir am Stück. Denn dann können wir mit einer größeren Sicherheit diese Titel einplanen, da es keine Überraschungen mehr bei der Synchro geben kann. Man steckt ja nie drin. Wenn ein Sprecher dann mal für mehrere Wochen ausgebucht ist, müsste man den Titel wieder verschieben. Dieses Risiko wollen wir einfach minimieren. Zumal es, glaube ich, auch für die Synchronsprecher besser ist, wenn sie eine Figur „am Stück" aufnehmen können. Natürlich sind das Vollprofis, aber ein kleiner Wechsel in der Stimmcharge würde dem Zuschauer vielleicht auch auffallen.

Wer entscheidet und wie wird entschieden, wie viele Episoden auf eine Disc dürfen/kommen?

Es kommt auf die vertraglichen Vereinbarungen mit dem Lizenzgeber an. Wir haben oftmals Richtlinien für die Aufteilung. Manchmal richten wir uns aber auch nach den Marktstandards.

Wie viel Zeit vergeht zwischen dem Synchronsprechen und dem in die Produktion geben?

Das kann ich so pauschal gar nicht sagen. Wir machen das mal an einem fiktiven Beispiel. Wir haben den Titel „X" lizenziert und die Verträge sind seit gestern unterschrieben. Dann schauen wir nach unseren Kapazitäten. Wenn wir noch einen Slot z. B. im Oktober 2018 freihaben legen wir den Titel einfach dort rein. Dann besorgen wir uns das Skript, lassen es übersetzen, geben es dem Synchronstudio unserer Wahl und dann lassen wir uns eine Einschätzung geben, wie lange die Synchronarbeiten dauern.

Wir liegen mit unseren Schätzungen, was diese Dauer betrifft, auch fast immer richtig. Dann wissen wir, wann wir die Synchro machen müssen, damit die Deadline eingehalten werden kann. Grafik, Layout, Verpackung etc. läuft schon früher. Wir haben die Produkte final schon ca. sechs Wochen vor VÖ auf Lager. Drei Monate vorher müssen alle Daten komplett sein. Die Abgabe der Masterscheibe erfolgt ca. sechs Wochen vor VÖ. Bis dahin ist die Synchro natürlich fertig.

Könntet ihr den Ablauf, wie man einen Anime nach Deutschland bringt, in eventuelle Phasen untergliedern und den ungefähren Zeitaufwand nennen, der zwischen diesen vergeht?

Die Phasen wären folgende:

  • Interesse für eine bestimmte Lizenz
  • Anfrage beim Lizenzgeber
  • Lizenzeinkauf
  • Planung des Produktes
  • Pre-Produktion (Grafik, Layout, Extras etc. abklären)
  • Freigaben für Produkt einholen
  • Grafik-, Layout-Produktion
  • Synchronfassung produzieren
  • Freigaben einholen
  • finales Produkt produzieren lassen
  • Marketingplanung
  • Freigaben einholen
  • Verkauf
  • der Kunde hält das Produkt glücklich und zufrieden in den Händen 😉

Zeiträume anzugeben ist einfach nicht möglich, da es von Titel zu Titel unterschiedlich ist. Manchmal brauchen wir lange und manchmal kann es auch schneller gehen. Auch Verhandlungen können sich in die Länge ziehen oder Freigabeprozesse schleppend vorangehen. Damit müssen wir einfach leben.

Werden ab und an vorliegende Extras von den Lizenzgebern vorgeschrieben oder geben diese euch lediglich auch dafür die Erlaubnis?

Vorgeschrieben wurde nur ein Extra bis jetzt und das war die Spielkarte zu Yu-Gi-Oh! The Dark Side of Dimensions. Ansonsten haben wir die Möglichkeit Extras zu planen und dann beim Lizenzgeber zur Freigabe einzureichen. Aber Extras freigegeben zu bekommen ist immer eine sehr komplizierte Sache. Ein Poster oder eine Postkarte ist nicht so schwer, wenn man aber etwas Spezielleres haben möchte, muss man oftmals mit sehr langen Freigabeprozessen rechnen und auch damit rechnen, dass ein Extra nie umgesetzt wird.

Wir wollten z. B. bei Girls und Panzer einen kleinen Panzer in den Schuber machen. Recht schnell hatten wir einen Produzenten gefunden, der uns in ausreichender Stückzahl einen Panzer hätte liefern können. Dann haben wir ein Sample bei den Lizenzgebern eingereicht und die haben das Extra nicht freigegeben, weil ein paar Details am Panzer nicht der Anime-Vorlage entsprachen. Damit war das Projekt dann auch beendet, da wir nicht die Möglichkeit hatten eine exakte Nachbildung eines Anime-Panzers zu produzieren. Denn dazu muss ein 3D-Modell anhand mehrerer Keyarts erstellt werden, dann müssen Spritzformen für die Einzelteile erstellt werden etc. Das sprengt dann schnell den finanziellen Rahmen, der für ein Extra ausgegeben werden kann.

Wie viel Zeit vergeht im Gesamten zwischen Lizenzerwerb und dass man den Anime dann im Laden finden kann?

Das kommt ganz auf die Release-Strategie an. Wir haben jetzt z. B. Lizenzen, die wir erst 2019 auf den Markt bringen, aber auch welche, die schon Anfang 2018 kommen.

Plant ihr Releasetermine eher großzügig mit genug Puffer oder ist es manchmal eher etwas knapp geplant?

Wir versuchen großzügig zu planen 😉 Bisher klappt das auch ganz gut.

Was wünscht ihr euch für zukünftige Releases oder findet ihr selbst, dass ihr noch etwas optimieren könntet?

Das ist ja eine Frage, auf die man fast nur falsche Antworten geben kann 😉 Natürlich kann man immer etwas optimieren und derjenige der behauptet alles richtig zu machen, hat keine Ahnung. Wir sind aber schon sehr zufrieden mit unseren Produkten. Synchrofehler oder Fehler in der Grafik oder auch Fehler, die beim Mastern der Scheibe entstanden sind, sind für uns natürlich auch immer sehr ärgerlich, aber dann ist es auch schon zu spät. Solche Fehler passieren und bisher konnten wir auch immer ganz gut reagieren, wenn es zu gravierend war. Da habe ich schon andere Produkte gesehen, die nicht umgetauscht wurden.

Kann die Community auch Einfluss auf Sprecher nehmen oder auf Verpackung oder Bonusinhalt?

Ein ganz klares „Jain"! Wir machen schon ab und zu Umfragen oder sammeln Stimmen aus der Community, die wir dankend entgegennehmen. Wenn wir z.B. immer wieder einen bestimmten Namen für eine Synchronrolle lesen, geben wir diesen als Vorschlag auch an das Synchronstudio weiter und die schauen mit ihrer Expertise drauf und schätzen ab, ob es wirklich passt oder nicht. Wir lesen auch immer wieder über Wünsche, was die Extras betrifft. Dann schauen wir, ob wir das umsetzen können und ob das in unsere Planung passt. Die Übersetzung des Openings von Digimon wurde von vielen, wenn nicht sogar von allen, gewünscht und wir haben unser Bestes gegeben, damit wir Toei davon überzeugen konnten, dass das eine gute Idee ist. Und es hat ja auch funktioniert. Extras müssen für uns, mit unserer Manpower, umsetzbar sein und dann noch freigegeben werden.

Wir arbeiten derzeit schon an weiteren Teilen, um euch eine Art FAQ bieten zu können, wie es mit den verschiedenen Themen rund um Anime und Manga bei uns in Deutschland steht. Seid gespannt auf Teil 3!

Wie genau bringt man einen Anime nach Deutschland?

Ich sorge auf Japaniac hauptsächlich dafür, dass die Newsletter und die Gewinnspiele laufen. In meiner Freizeit habe ich nichts gegen eine entspannte Runde an der Konsole. Mit Japaniac kann ich alle Hobbies miteinander kombinieren. Leidenschaftlicher Anime-Fan und nerdiger Otaku seit mehreren Jahren.


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