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Trüffelwochenende in der Toskana

Erstellt am 24. Oktober 2011 von Reisefreunde
Trüffelwochenende in der ToskanaJenke wusste von nichts. Nur, dass wir über seinen Geburtstag verreisen würden. Selbst am Flughafen war er noch tapfer, den Blick auf den Fussboden gehaftet, bei Ansagen an Bord die Ohren zugehalten. Die Mitreisenden schauten zwar eigenartig - aber egal. Selbst nach Landung, als der Name des Flughafens in großen leuchtenden Lettern über dem Terminalgebäude prangte, auf das wir zuliefern, blieb sein Blick starr auf dem Boden. Braver Junge. Natürlich konnte ich es irgendwann nicht aushalten und habe ihm im Ankunftsbereich erzählt, was er schon geahnt haben muss. (Schließlich sprachen alle um uns nur eine Sprache!). Wir waren in Pisa gelandet. Mehr aber erfuhr er nicht.

Stilecht ging es im Fiat 500 noch etwa 40 Minuten weiter östlich. In die toskanischen Berge. Dort, wo die Landschaft, die Häuser, die Menschen, das Essen aussieht, wie aus einer Toskana-Imagekampagne. Nach San Miniato. Ins Herz der weißen Trüffel. Auf zu einem Trüffelwochenende. Der französische Philosoph Brillat Savarin schrieb übrigens einst: „Der Trüffel macht Frauen zärtlicher und Männer liebenswürdiger.“ Na mal gucken. San Miniato selbst ist winzig klein, die Straßen säumen mittelalterlich anmutende Häuser, eine alte Burg trohnt auf dem höchsten Punkt. Dass San Minitao sich der Cittaslow angeschlossen hat - eine Bewegung zu Entschleunigung und der damit einhergenenden Verbesserung der Lebensqualität - versteht jeder hier auch ohne hinwiesendes Schild am Ortseingang: hier ist alles langsamer, ruhiger, entspannter.

Trüffelwochenende in der ToskanaRecht spät kamen wir in unserer Herberge an: dem Agritourismo Marrucola. Enzo, der Besitzer, ein Italiener mit äthiopischen Wurzeln, empfing uns herzlich - mit wenig Englisch, aber mit viel Hand, Fuss & Charme. Die Zimmer im seperaten Ferienwohnungen-Bereich sind praktisch und einfach eingerichtet, aber sehr großzügig auf zwei Etagen. Enzo produziert selber hervorragenden Bio-Wein. Wir hätten bei Platz im Koffer gern mehrere Flaschen mitgenommen, so lecker sind die Tropfen. Das Marrucola verfügt über einen großen Pool, die Aussicht dahinter ist gigantisch und kaum zu glauben: Toskanische Hügel, überzogen von Wäldern, Weinbergen, Feldern und den obligatorischen Zypressen. Ein Ausblick wie ein Klischee. Toll. Normalerweise isst man hier übrigens abends mit Enzo und anderen Gästen. Allerdings haben wir das besondere gesucht und sind ins Dorf gefahren.
Trüffelwochenende in der ToskanaDas Restaurant Pepenero war unsere erste Anlaufstelle, Jenke wusste natürlich immer noch nicht, was ihn erwartete. Von außen kann man den Eingang schnell übersehen, es geht eine Treppe hinunter - und dann steht man im recht stylischen, hell und modern eingerichteten Kellergewölbe. Doch der erste Eindruck täuscht - denn weiter hinten ahnt man, welchen Ausblick man von hier tagsüber haben muss. Denn durch San Miniato schlängeln sich nur wenige Straßen - und fast alle Häuserrückseiten sind an den Hang gebaut, so dass man nach hinten einen unglaublichen Blick auf die umliegenden Täler hat. Wer also tagsüber oder gar im Sommer kommt: dringend einen Tisch hinten oder auf der Terrasse reservieren. Reservieren ist übrigens Pflicht hier. Zum Essen: nach einem tomatigen Gruß aus der Küche hatten wir uns für die "à la Carte" Lösung entschieden, da der Hunger so spät nicht mehr so groß war. Sonst ist man gut beratern mit 5-gängien Menüs, es gibt das Menü Terra, das Menü Mare und natürlich auch ein Trüffel Menü. Alles bezahlbar übrigens. Wir starteten mit einem zarten Angus-Carpaccio mit weißen Trüffeln. Was soll man dazu sagen? Um es kurz zu machen: das war das beste Carpaccio, das wir jemals hatten. Fein, elegant, umwerfend köstlich. Danach gab es hausgemachte Pasta, natürlich ebenfalls mit weißen Trüffeln. Ein duftender, perfekter Traum. Eigentlich waren wir schon pappsatt, aber die Fagioli, die Spezialität der Region, weiße Bohnen, natürlich in diesem Fall mit Trüffeln serviert, hatte uns neugierig gemacht. Also gab es die als Secondi sozusagen. Kurz vor Mitternacht versemmelte dann der sonst nette Kellner dann allerdings die Überraschung und brachte die Geburtstagstorte mit Kerzchen vorzeitig raus. Stupido. Naja. Wir fanden's natürlich auch komisch. Darauf eine köstlichen Vin Santo, der heilige süße Dessertwein der Region. Auguri!

Trüffelwochenende in der ToskanaAm nächsten Morgen nach einem sehr winzigen und kaum zu beachtenden Frühstück (lieber im Dorf!) wartete dann die nächste Überraschung: Christina kam, die nette Mitarbeiterin von Entroterra, bei der ich die Sause gebucht hatte. Sie sollte auf dem folgenden kleinen Abenteuer übersetzen. Jenke hatte immer noch keinen blassen Schimmer, wie es weiter gehen sollte. Und staunte, als plötzlich eine Vespa und zwei Helme auftauchten. Grinsend, aber sprachlos, setzten wir ihn auf den Roller, ein kleines Roadbook auf ein Klemmbrett, mich hinten drauf. Und los ging's. Jenke grinste wie verstrahlt, knatterte durch die Gassen und war glücklich. Erst als wir hinter San Miniato zum Stehen kamen, um wenige Minuten später auf einen Mann mit Hund trafen, war ihm klar: es geht auf eine Trüffelsuche. Für das Dauergrinsen hatte sich der Aufwand gelohnt! Im Eichenwald angekommen, erfuhren wir: die Saison war trocken - und es gab kaum Trüffel. Doch der Trüffelsucher und seine Hündin Macchia waren geborene Rampensäue und legten für uns eine perfekt Demonstration hin. Herrchen versteckte präparierte Trüffel, und Macchia schoss wie der Wirbelwind ins Gebüsch und fand sie. Sehr lustig. Die weiße Trüffel von San Miniato ist in der ganzen Welt bekannt. Der größte Trüffel, der hier jemals gefunden wurde, wog stolze 2520 Gramm. Der Trüffelsucher, der sonst Psyhologe ist, konnte in diesem Jahr insgesamt allerdings nur 350 Gramm finden. Immerhin. Wir hatten Spaß, das Dauergrinsen hielt sich. Auguri!

Trüffelwochenende in der ToskanaDie Sonne schien, die uns umgebende Landschaft war feudal und langsam knurrte uns der Magen. Für uns war schon ein Tisch im Il Convio reserviert, einem schmucken Restaurante im Tal unterhalb San Miniatos. Zunächst dachten wir, hier wären wir in eine Touristenfalle getappt: aber schon bald füllte sich der Laden mit einheimischen Familien und schnell war klar: wir waren hier die einzigen Touris. Die Vorspeise brachte alles gute, was die Toskana und Region zu bieten hatte, auf eine Platte: eingelegte Gemüse, knusprige Bruschetta, Schinken, Wurst, Trüffelcreme und Pilze. Danach: wir konnten nichts anders (wenn man schon mal hier ist), musste noch mal eine Trüffelpasta hier. Man lebt nur einmal, auguri!

Trüffelwochenende in der ToskanaDanach ging es wieder auf die Vespa. Wir hatten gehört, dass im nahen Balconovese, einem winzigen Bergdörfchen, ein Trüffelfest stattfinden sollte. Also nichts wie in. Die Zufahrt auf das Dorf war schon für Autos abgesperrt, was für ein Glück, dass wir noch mit der Vespa hochfahren durften. Der Anblick oben war wie im Film: auf einem winzigen Dorfplatz waren ein paar Zelte und eine kleine Bühne aufgebaut. Auf der fand gerade der Soundcheck statt. Schief und krumm spielte die Renterband, aber sie hatten ihren Spaß. Zwei in die Jahre gekommenden Dorfschönheiten sangen dazu, oft trafen sie sogar den Ton, und schwangen die Hüften galant wie einst Anni-Frida und Agnetha von Abba. Es war schaurig schön. An der einzigen, kurzen Dorfstraße verkauften dann noch ein paar italienische Mamas, was der Ofen hergab, und die Dorfjugend lungerte machomäßig cool auf den Sitzbänken am Kinderspielplatz. Auguri!

Trüffelwochenende in der ToskanaAbends dann sollten wir eigentlich im Marrucola essen. Allerdings war der gesamte Speiseraum, bis auf einen (unseren) Tisch, festlich eingedeckt und schnell trudelten ein paar Jugendliche ein. Hier sollte der 18-jährige Geburtstag eines Dorfmädchens stattfinden. Als die Gratulantin eintraf, riss sie die Musikanlage auf - und uns der Geduldsfaden. So wollten wir nicht feiern. Enzo verstand die Misere und zeigte sich als perfekter Gastgeber. Es brachte uns kurzerhand ins Dorf zu einem (oder seinem, das haben wir nicht ganz verstanden) Ristorante, dem Ristorante Accademia da Michele. Zugegeben, zuerst waren wir skeptisch, aber was Michele, der Wirt und sein Team auf den Tisch brachte, hatte uns versöhnt: zunächst Firoi di Zucca fritti, dann für Madame hausgemachte Pasta, für Jenke zartes Bistecca tagliata. Und weil's so nett war und so köstlich, konnte uns der Chef noch zu einem Dessert überreden. Er brauchte nicht lange. Der saftige, viel zu mächtige, viel zu gute Kuchen von dem er sprach, stand schnell vor uns. Yam!!!!! Wie sich später herausstellte, sprach der Chef nicht nur von gutem Kuchen, sondern auch noch gutes Deutsch. Weil er - Achtung: Zufallsalarm - früher mal eine Liebschaft in Köln hatte. Die Welt ist ein Dorf. Die Welt ist San Miniato. Was für ein doch schöner Abend. Brillat Savarin hatte Recht! Auguri!

Trüffelwochenende in der ToskanaAm darauffolgenden Tagen hätten wir eigentlich noch eine Weinprobe gehabt. Aber im festen Glauben, den besten Wein des Dorfes schon bei Enzo erstanden zu haben, checkten wir aus und fuhren die halbe Stunde weiter nach Florenz. Die Sonne schien, der Himmel war blau und der Fiat 500 wollte auch noch ein bißchen kutschiert werden. Von Florenz kannten wir beide wenig. Ich war einmal kurz auf einer Dienstreise dort, hatte es aber nur geschafft, ein Eis zu essen, bevor ich wieder zum Flughafen musste. Florenz, so viel wissen wir jetzt, ist brechend voll. Und ohne Vorbereitung kaum erträglich. Überall Touristen, lange Schlangen vor den interessanten Higjlights der Stadt, der Gang über die Ponte Vecchio gleicht einem Sonntag in DisneyLand. Wir hätten es besser wissen müssen. Beim nächsten Mal sind wie schlauer und machen uns schlau. Wir sind doch Ichweisswo und nicht keine Ahnungwo... ;-)Trüffelwochenende in der Toskana
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