Ressort Literatur

Stimmen in der Nacht - Laura Brodie

Erstellt am 9. Juli 2012 von Finiwini

Broschiert: 336 Seiten Herausgeber: dtv Erscheinungsdatum: 1. Juni 2012 Originaltitel: "All The Truth"Leseprobe

Als sich eines Abends drei Studenten auf dem Weg zu einer Party auf das Grundstück der Dozentin Emma schleichen, um dort ein wenig zu feiern, endet die Nacht mit einem Ausbruch von Gewalt in Emma Haus. Emmas kleine Tochter Maggie, damals fünf Jahre alt, hat alles mit angesehen.Als Maggie neun Jahre später wieder von schrecklichen Alpträumen gequält wird, kommen die Erinnerungen an jenen verhängnisvollen Tag wieder hoch. Maggie ist sich sicher, dass es irgendetwas mit ihrer Mathelehrerin zu tun hat, die sich in Maggies Gegenwart seltsam benimmt und ihr nie ihr Gesicht zuwendet. Als Maggie erfährt, wer ihre Matherlehrerin wirklich ist, und, dass diese einige Antworten hat, auf Fragen, die seit neun Jahren in Maggies Kopf umherspuken, weiß Maggie, dass sie sich endlich der Vergangenheit stellen muss, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. 

"Stimmen in der Nacht" ist kein einfaches Buch, das möchte ich gleich von vorne herein sagen. Als ich das Buch zur Hand nahm, dachte ich aufgrund des Klappentextes, es würde sich hier im einen weiteren Roman handeln, indem ein Kind einem Verbrechen beiwohnt, wichtige Details verdrängt, Jahre später diese aus seinem Unterbewusstsein ausgräbt und somit das Verbrechen endlich aufgelöst werden kann. Kurzum: Ich erwartete einen sichten Krimi, der unterhält, aber nicht viele Überraschungen für den Leser parat hat. "Stimmen in der Nacht" stellte sich allerdings schon nach den ersten Seiten als ein Roman mit überraschend viel Tiefgang und Einblick in die psychischen Abgründe der Protagonisten heraus. 

Das besondere an diesem Buch ist, dass die Handlung des Romans nicht das eigentliche Verbrechen ist, welches vor neun Jahren geschah, sondern die Ereignisse, die es nach sich zog und die Emotionen, die dadurch in den unterschiedlichen Protagonistinnen ausgelöst wurden. Der Roman handelt von Reue, Schuld, Sühne und Vergebung. Es geht darum, wie die Charaktere mit diesen Gefühlen umgehen und wie sie ihren Alltag, trotz der nagenden Schuldgefühle, der Sühnegedanken oder der aus dem vergangenen Verbrechen resultierenden Verwirrung, meistern. Keine der Protagonistinnen, deren Identität ich nicht vorwegnehmen darf, ohne dem Roman die Spannung zu nehmen, erscheint oberflächlich oder flach, da die Autorin auf die Gefühle ihrer Protagonistinnen bis ins kleinste Detail eingeht und ihnen somit eine Tiefe verleiht, wie ich sie bisher bei anderen literarischen Protagonisten kaum erfahren habe. So grausam und unverzeihlich einige Taten eben dieser Frauen erscheinen, so nachvollziehbar werden sie doch, wenn man sich erstmal auf die emotionale Ebene der Frauen begibt, die von der Autorin so nachvollziehbar beschrieben wird, dass man keine der Frauen verurteilen kann, auch wenn genau das auf den ersten Blick nur allzu leicht erscheint. 

Durch ihre Protagonistinnen gelingt es der Autorin, den Lesern neue Denkanstöße zu geben. Als Leser merkt man durch diesen Roman schnell, das Schuld kein Begriff ist, der leicht zu definieren ist, und, dass man sich schuldig fühlen kann, auch wenn man juristisch gesehen unschuldig ist. Man lernt, dass man Menschen nicht beurteilen kann, ohne zu wissen, wie ihre Vergangenheit sie geprägt und zu dem gemacht hat, was sie jetzt sind. Man lernt, dass die Ding oft nicht so einfach sind, wie sie aufgrund irgendwelcher Beweise zu sein scheinen. Und man lernt, dass der erste Eindruck, den man von einiger Person hat, oft gewaltig täuschen kann! Mich jedenfalls, hat dieser Roman stark zum nachdenken und vielleicht sogar ein bisschen zum umdenken veranlasst. Denn wie schnell sind wir Menschen manchmal mit unserem Urteil über Personen oder Begebenheiten und lassen uns von diesem Eindruck nicht mehr abbringen, gleichgültig, wie sehr sich die Umstände diesbezüglich verändern...

Abgesehen von der unglaublichen Tiefe der Charaktere, auf welche sich die Autorin stark konzentriert, beeindruckte mich, wie authentisch die Emotionen jedes Einzelnen geschildert werden. Aufgrund der Dramatik der Situation könnte man erwarten, dass die Gefühle auch dramatisiert werden und dadurch konstruiert wirken. Das ist in "Stimmen in der Nacht" allerdings nicht der Fall. Laura Brodie beschreibt die Gefühle mit einer unglaublichen Intensität und Eindringlichkeit, dennoch bleiben sie aber glaubhaft und authentisch. 

Durch den Tiefgang und das Eindringen in die Psyche der Charaktere bleibt meines Erachtens die Spannung leider ein wenig auf der Strecke. Sehr früh erfährt man, was es mit dem Verbrechen eigentlich auf sich hatte und zumindest für mich stelle diese Aufdeckung keine große Überraschung dar, da der Roman alles in allem recht vorhersehbar ist. Da sich die Autorin so sehr auf die Ausarbeitung ihrer Charaktere fixiert, gerät die eigentliche Handlung teilweise ein wenig ins Stocken und einige Passagen erscheinen langatmig. In meinen Augen hätte dem Roman ein wenig mehr Spannung sehr gut getan, denn ich finde, dass die Handlung - nach einem durchaus spannenden Anfang - nur so dahin plätschert, ohne dass sich neue Erkenntnisse auftun.

Alles in allem empfinde ich "Stimmen in der Nacht" als ein unglaublich gelungenes Werk. Auch wenn es keine leichte Kost ist - oder vielleicht gerade deshalb - finde ich, dass man dem Buch eine Chance geben sollte, da es so viele neue Blickwinkel und Denkanstöße für seine Leser bereit hält, von welchen diese nur profitieren können. Leider mangelt es der Geschichte meiner Meinung nach gerade ab dem Mittelteil an Spannung. Durch die unglaubliche Tiefe der Charaktere ist der Roman in meinen Augen aber dennoch etwas ganz Besonderes und ich kann ihn jedem, der tiefgründige Charaktere, die zum Nachdenken anregen, zu schätzen weiß, nur empfehlen!



Vielen Dank an den dtv Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

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