Rezension: „Weiss für Wut“ (Jari Järvelä)

Rezension: „Weiss für Wut“ (Jari Järvelä)
Der ehemalige Lehrer Jari Järvelä gilt als einer der erfolgreichten Autoren Finnlands. Mit Weiß für Wut entführt er den Leser in die Welt von Metro, einer jungen Untergrund-Sprayerin. Doch das Klima, in dem Metro und ihre Freunde sich bewegen, ist mehr als nur skandinavisch-rau.

Ratten vs. Bazillen

Ziel der jungen Künstlerin sind die Waggons der finnischen Bahngesellschaft. Die hat naturgemäß wenig Verständnis für Metros Bedürfnis nach kreativem Ausdruck und stellt zwielichtige Sicherheitsmänner ein, um dem Treiben ein Ende zu bereiten.

Als Folge dessen muss die 19-jährige Metro mit ansehen, wie ihr geliebter Freund Rust während eines Fluchtversuchs in den Tod stürzt. Kein Unfall, sondern eine regelrechte Treibjagd. Doch die Sicherheitsleute streiten alles ab, verfälschen den Einsatzbericht. Metro, die als Kind von Einwanderern schon viele Ungerechtigkeiten ertragen musste, sinnt nun auf Rache.

Ihr Ziel heißt Jere, ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der zusammen mit Frau und Kind unbehelligt weiterlebt. Bis er die blinde Wut von Metro zu spüren bekommt.

Immer diese Schmierereien

Die Geschichte von Grafffitis reicht bis ins Alte Ägypten zurück. Kritzeleien und Inschriften auf Statuen und Gräber erhitzten bereits vor über 3.000 Jahren die Gemüter. Und auch heute noch hat die ägyptische Regierung ihre Probleme mit nicht autorisierten Wandgemälden.

Nach wie vor setzen viele Menschen Graffitis mit krakeligen, unleserlichen Schriftzügen an Hauswänden und zerkratzten U-Bahn-Scheiben gleich. Für sie ist die gesamte Kunstform nichts weiter als reine Sachbeschädigung. Scratchings machen allerdings nur einen Bruchteil der Graffiti-Vielfalt aus.

Während Graffitis früher bekämpft wurden, sind sie inzwischen prägend für den urbanen Lebensraum und immer wieder Thema in der Politik. Denken wir hierbei allein an eine der berühmtesten Flächen weltweit: die East Side Gallery. Auch lockerte Finnlands Nachbar Schweden seine Einstellung deutlich – 2008 hat Helsinki Graffiti zum „Teil der Stadtkultur“ erklärt. Und die Stadt Wien gründete sogar ein eigenes Graffiti-Museum. Ein Vorbild, dem Berlin nacheifert.

Politischer Hintergrund

Weiß für Wut besinnt sich auf Graffiti-Traditionen, die ihren Ursprung in den USA haben. Hier kamen und kommen Graffitis nicht nur der Ästhetik wegen zum Einsatz, sondern dienen ebenfalls der Darstellung politischer Statements. Darüber hinaus markieren Gangs ihre Gebiete auf diese Weise.

Eng verknüpft ist hiermit das Crossen, das Durchstreichen also, was einer Kriegserklärung gleichkommt. Manchmal sind diese Kriege vergleichsweise harmlos. In Übersee jedoch münden solche Auseinandersetzungen schnell in tödlichen Ernst.

In Järveläs Roman finden wir diese politische Dimension auf mehreren Ebenen: Beide Seiten entmenschlichen sich, indem sie sich jeweils als Ratten und Bazillen bezeichnen. Metro wird aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe ausgegrenzt, immer wieder ist sie mit rassistischen Angriffen konfrontiert. Und die Sicherheitsleute gehen auf der Jagd nach ein paar harmlosen jugendlichen Sprayern wortwörtlich über Leichen.

Biederes Finnland, biederes Deutschland

Graffitis sind eine zwiespältige Angelegenheit: Zum einen begrüßen Städte in Auftrag gegebene Streetart, die dem urbanen Alltagsgrau ein bisschen Farbe verleiht. Zum anderen aber fällt gerade durch diese Erlaubnis ein nicht zu unterschätzender Schlüsselreiz weg – der Thrill.

Metro und ihren Freunden geht es aber um das Style-Writing im Verborgenen, die kunst- und gefahrvolle Schöpfung von Pieces. Selbst legitime urbane Kunst ist vielen ein Dorn im Auge. Der Künstler Harald Naegeli hat dies zu spüren bekommen: Unbekannte entfernten eines seiner Graffitis am Alten Hafen in Düsseldorf. Und das kurz nachdem der Beschluss seitens der Politik gefasst wurde, das Kunstwerk zu schützen.

Wo aber liegt die Grenze zwischen Kunst und Vandalismus? Wer würde sich ernsthaft über ein Graffito auf der eigenen, frisch gestrichenen Hauswand freuen? Da kann der Künstler noch so berühmt sein…

Fazit

Jari Järveläs erster Band der Metro-Trilogie gewährt dem Leser Zugang zu einer Welt, die erst im Verborgenen zwischen Bahnwaggons und Tunneln zum Leben erwacht. Dabei wird zugunsten der Spannung auf Realismus verzichtet. So arten Metros Aktionen zu akrobatischen und technischen Höchstleistungen aus. Dennoch hat Järvelä ein interessantes, zeitgenössisches Thema entdeckt, dem er sich durch geschickte Perspektivwechsel nähert.

JÄRVELÄ, JARI: Weiß für Wut. carl’s books, München 2016, 288 S., 14,99 €


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