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Quinoa – Chancen und Krisen eines Wunderkorns

Erstellt am 11. Juni 2012 von Gekonntgekocht

Quinoa mag gerade in aller Munde sein, doch führt es dabei nicht zwangsläufig zu Begeisterungsstürmen: Als ich neulich bei Freunden erwähnte, dass ich an einem Artikel über Quinoa arbeite, erntete ich zwar rege Aufmerksamkeit, allerdings durchaus nicht so, wie es erwartet hatte. Denn statt mich mit entzückten Beschreibungen ihrer Erfahrungen oder fantasievollen Rezepten zu versorgen, drückten sie mir mit sicht- und spürbarer Erleichterung ein angebrochenes Quinoa-Paket aus dem Reformhaus in die Hand, mit dem ehrlich gemeinten Wunsch, ich möge es statt ihrer aufbrauchen. Der Augenblick stellte eine äußerst interessante Wende in meiner Recherchearbeit dar, die bis dahin vor allem von vielen positiven Rückmeldungen geprägt war. Gleichzeitig passt eine gewisse Ambivalenz zu dieser ungewöhnlichen und eigenwilligen Pflanze. Über die mehrere tausend Jahre lange Tradition seiner Kultivation hat der „Inka-Reis“ eine bewegte Geschichte aufgebaut und eine lange Reise hinter sich, war zunächst  Hauptnahrungsquelle für viele südamerikanische Völker, dann, nach der Kolonialisierung des Kontients, streckenweise verboten oder zumindest geächtet, ehe er sich schließlich zu einem ungemein erfolgreichen Exportprodukt entwickelte. Nur wenige Lebensmittel können derart von sich behaupten, ein Politikum zu sein, wie Quinoa. Nur wenige führen trotz  offensichtlicher Vorteile zu so vielen Kontroversen.

Volles Korn, kein Getreide

Seine heutige, rapide wachsende Beliebtheit in verschiedenen Nischenmärkten hat Quinoa einer Vielzahl von Faktoren zu verdanken. Zum einen kann Quinoa statt „regulärem“ Mehl in Brotteigen, als Beilage zu Gemüse- oder Fleischgerichten oder sogar als knuspriges Frühstücksmüsli zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich bei dem Korn in Wahrheit gar nicht um ein Getreide, sondern ist es vielmehr der Familie der Fuchsschwanzgewächse zuzuordnen und damit ein unmittelbarer Verwandter des ebenfalls zu erneuter Aufmerksamkeit gelangten Amaranth. Dieser botanische Hintergrund wird so manchen Allergiker aufhorchen lassen. Denn im Gegensatz zu Weizen und Co ist Quinoa vollkommen glutenfrei und somit auch für all diejenigen verträglich, die bei einer Scheibe Brot oder einem Teller Pasta rot sehen. Inzwischen wird sogar Bier aus Quinoa gebraut, was einen weiteren Genussgewinn für viele Glutenallergiker darstellt. Und auf ihrem Hungry-Hippy-Blog hat die unter Reizdarmsyndrom leidende Bloggerin Elise ein köstliches Rezept für ein Quinoa-Granola entwickelt, das in der gesamten Szene zu Freudenausbrüchen führt.

Alltägliches Supergericht

Ein weitere wichtiger Vorteil von Quinoa beteht in seiner Zusammensetzung, bildet er doch eine reiche Quelle für viele lebensnotwendige Inhaltsstoffe. Zwar übertreiben es Carolyn Hemming und Patricia Green, die beiden Autorinnen des wohl tiefgehendsten Koch- und Info-Buchs zum Thema („Quionoa 365: The everyday superfood“) etwas, wenn sie das Korn mit „Gewichtsreduktion, Muskelaufbau und Migränelinderung“ sowie mit „Diabeteshilfe sowie Brustkrebsvorbeugung“ und Verbesserungen von „Kinderasthma und Gallensteinen“ in Verbindung bringen. Fest steht immerhin, dass Quinoa viele hervorragende Proteine bietet, sowie lebensnotwendige Aminosäuren, Calcium und das in unserer westlichen Fast-Food-Kultur und dank übermässigem Speisesalzkonsums leidlich unterrepräsentierte Kalium. Hemming bringt die Vorteile in zwei Sätzen knapp auf den Punkt: „Nichts ist so nahrreich wie Quinoa. Außerdem braucht man beim Kochen nicht lange und ich kann es überall mit hin nehmen.“ Kein Wunder also, dass die UN 2013 zum Quinoa-Jahr ernannte und in einer Resolution die Rolle hervorhob, die Quinoa für die Biodiversität spielen und wie es zu Lebensmittelsicherheit und der Beseitigung von Armut beitragen könne.

Vorzüge zum Verhängnis

Genau diese Vorzüge scheinen Quinoa nun aber zum Verhängnis zu werden. In einem Artikel für caiman.de thematisiert Alexandra Geiser einige der Problemfelder: „Quinoa wird (…) umweltfreundlicherweise um den halben Globus geflogen und in den hiesigen und amerikanischen Ökoläden teuer verkauft: als magisches Kraftkorn aus den Anden, welches die Inka angeblich von ihren Göttern erhielten. Ein echter Marketingknüller. Inzwischen wird Quinoa auch in großen Mengen in den USA kultiviert. Anbautechnisch gesehen ein großer Erfolg, waren doch alle vorherigen Versuche gescheitert: die Spanier zur Kolonialzeit, die Franzosen während ihrer Revolution und die Deutschen während des Ersten Weltkrieges.“ Und auf noch etwas weist Geiser hin: „Glaubt man den Schriften der Ökoläden hierzulande, ist Quinoa für die Campesinos bereits zu teuer geworden.“

Dafür indes muss man nicht einmal den besagten Schriften glauben – in einem tief recherchierten Artikel wies die New York Times darauf hin, dass die extrem schnell ansteigende Quinoa-Nachfrage in westlichen Ländern dazu geführt habe, dass die lokale Bevölkerung Boliviens sich Quinoa, das inzwischen bis zu drei mal so teuer sei wie beispielsweise Nudeln oder Reis, nicht mehr leisten könne und verstärkt zu Getreide und Fast-Food greife. Da hilft es auch nicht, dass die für den Quina-Anbau zuständigen Agrarunternehmen darauf pochen, in den Anbaugebieten sei der Lebensstandard um ein Vielfaches gestiegen. Denn der Anstieg ist ein reiner Papierwer und teuer erkauft, da die Bewohner in Wahrheit immer mehr an verschiedensten Mangelkrankheiten leiden. „Es ist irgendwie entmutigend, das zu beobachten“, sagt David Schnott, Präsident der Quinia Corporation of Los Angeles, doch hat er wenig Trost zu bieten: „So ist nun mal das Leben und so funktioniert Wirtschaft. Ich selbst allerdings war  immer schon dafür, den Markt zu vergrößern und den Preis auf einem Niveau zu halten, auf dem mehr Leute das Produkt ausprobieren können.“ Allein in der Formulierung des Zitats drückt sich ein grundlegendes Unverständnis für den Ernst der Lage dar. Denn für die Bolivianer ist Quinoa nicht nur etwas zum „Ausprobieren“, sondern ein zentraler Bestandteil ihrer Kultur.

Ironische Kehrtwende

Und überhaupt: Die radikale Kehrtwende, die man in den USA und Europa Quinoa gegenüber eingeläutet hat, ist eine bittere Ironie der Geschichte. Als die spanischen Conquistadores in Südamerika ankamen, boten sich ihnen riesige Felder voll in der Sonne glänzenden Amaranths und Quinoas, was dem Korn den Beinamen „Gold der Inkas“ verlieh. Doch betrachteten die neuen „Banker“ das kulinarische Gold schon bald als Bedrohung,  da sie es für die erstaunliche Kraft, Gesundheit und Zähheit der Inkas verantwortlich machten  und meinte, die Indios durch das praktische Verbot dea Qunio-Anbaus in die Knie zwingen zu können. Damit entzogen sie nicht nur Südamerika, sondern auch dem gesamten Rest der Welt ein potentielles Massenlebensmittel. Denn wie wenige andere Kulturpflanzen kann Qunioa ebenso gut in ebenen Lagen wie in den kargen Höhen der Anden angebaut werden und benötigt praktisch keine Insektizide, um sich vor natürlichen Feinden zu schützen. Für diese Widerstandsfähigkeit sind sogenannte Saponine, bitterschmeckende und für viele Lebewesen giftige Stoffe mit der Tendenz zur Schaumbildung, in der Schale der Körner verantwortlich, welche viele Insekten und hungrige Tiere abschrecken. Freilich sind sie auch für den Menschen ungeniessbar und müssen zuerst entfernt werden, bevor Quinoa gegessen werden kann. Selbst dann bleibt der Geschmack für viele zu bitter und empfehlen beispielsweise Carolyn Hemming und Patricia Green, die Körner bis zu drei Minuten unter fließendem Wasser zu reinigen, um ihren Geschmack zu optimieren.

Bissfeste Konsistenz

Es sind nicht die einzigen Ratschläge, die man beachten sollte, möchte man das erste Gericht zu einem Erfolg werden lassen. Wer dem optimalen Quinoa-Rezept auf die Schliche kommen will, sollte unbedingt ein paar der verschiedenen Varianten ausprobieren, die man im Netz (beispielsweise hier) findet und auch unterschiedliche Marken testen – ähnlich wie bei Hülsenfrüchten wie Linsen sind die Unterschiede zwischen den Produkten verschiedener Anbieter bemerkenswert groß. Ganz wichtig vor allem: Eine bissfeste Konsistenz anstreben, statt den Quinoa so weich zu kochen wie beispielsweise Reis – dann wären vielleicht meine Freunde auf den Geschmack gekommen und, wie so viele andere vor ihnen, zu Fans des Inka-Reis geworden. Dass das Potential von Quinoa gewaltig ist, steht somit fest, was freilich die unter der Oberfläche schwelenden Konflikte nicht lindert.  Man kann nur darauf hoffen, dass die UN die Problemfelder in ihrem Quinoa-Jahr ebenso thematisiert wie die Vorteile.

Foto: http://www.flickr.com/photos/60364452@N00

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