Ressort Architektur

Martin Timm – "Die Kunst der Architektur­fotografie"

Erstellt am 17. Oktober 2010 von Thomas_robbin

Martin Timm - Die Kunst der Architekturfotografie

Christian Öser rezensiert für Chip Online das Ende 2009 im Fachverlag Addison-Wesley erschienene Buch “Die Kunst der Architekturfotografie” von Martin Timm. Timm beleuchtet in dem Buch weniger die technische Seite der Architekturfotografie, sondern bietet insbesondere eine philosophische Annäherung an die Architektur und an die Darstellung von Architektur im Bild. In einem Artikel vom 21. April 2010 habe ich hier im Architekturfotoblog das Buch bereits vorgestellt.

Rezension von Christian Öser:

Täglich bewegt sich der Mensch zwischen einfachen Blockhütten, Plattenbauten aus der Nachkriegszeit oder modernen Hochhäusern aus Stahl und Glas. Die einen bringt sie zum Staunen, den anderen ist sie keine große Beachtung wert – ignorieren kann sie aber niemand: die Architektur. Das Zusammenspiel aus Form, Farbe und Funktion übt auf Fotografen einen besonderen Reiz aus. Passend dazu bietet sich Martin Timms Buch „Die Kunst der Architekturfotografie“ an, um nicht nur die technische Seite der Architektur kennenzulernen.

Die rund 270 Seiten des Buchs präsentieren sich stabil in einem Hardcover-Umschlag. Knapp zwei Drittel der sieben Kapitel befassen sich mit der philosophischen Seite der Architekturfotografie und erfordern beim Lesen ein eher ruhiges Umfeld, um Timms Ausführungen auf sich wirken zu lassen. Beispielbilder gibt es in ausreichender Anzahl, dennoch kommt durch den etwas mühsam zu lesenden einspaltigen Satz vor allem bei längeren Textpassagen schnell das Verlangen nach noch mehr Auflockerung durch weitere Fotos auf.

Philosophie für Fotografen

Wer gleich zu Beginn Empfehlungen zur Ausrüstung und technische Anleitungen für perfekte Architekturfotos erwartet, wird nach wenigen Seiten schon etwas demotiviert sein. Eine Leidenschaft des Autors sind große Texte der abendländischen Antike, dementsprechend philosophisch mutet der erste lange Abschnitt an. Auch wenn Timms Worte nicht immer einfach zu lesen sind – inhaltlich bringen sie den Leser zum Nachdenken. Warum empfinden wir manche Häuser als schön, andere dagegen als hässlich und unnötig? Welchen Einfluss haben Form, Farbe, Umgebung und Wetterverhältnisse auf unsere Wahrnehmung eines Gebäudes? Der inhaltliche Ausflug in die Vergangenheit ist zwar sicherlich nicht jedermanns Sache, spannend ist er trotzdem. Timm bedient sich auch vieler Zitate großer Künstler, die wiederum das eigene Handeln und die persönliche Sichtweise überdenken lassen.

Gebäude interpretieren und verstehen

Die Kapitel zwei und drei stellen den Hauptabschnitt der kreativen Herangehensweise an Architekturfotografie dar. Hier erfährt der Leser unter anderem, was es mit projektiver Verzerrung, stürzender Linien und dem Begriff „Shift“ auf sich hat. Als weiteres konkretes Beispiel sei das Thema „Perspektive“ genannt: Von Aufsicht und Untersicht haben viele Fotografen sicherlich schon einmal gehört. Beim Ablichten eines Gebäudes sollten die Überlegungen zur gewählten Perspektive aber weitaus tiefgründiger ausfallen. Welche Aussage soll das Foto schlussendlich haben? Je nach Standort, Blickwinkel und Objektiv lässt sich Architektur wahrheitsgetreu oder bewusst überzogen darstellen. Timm nennt hier vor allem die Werbeindustrie, die sich gerne einer geschickt gewählten Perspektive bedient, um eine gewünschte positive Atmosphäre in das jeweilige Werbesujet zu bringen. Besonders in diesem Abschnitt unterstützen viele Bildbeispiele die Worte Timms und machen den Inhalt weitaus verständlicher.

Technik bleibt im Hintergrund

Erst nach 150 Seiten geht Timm auf die fototechnischen Grundlagen ein, welche auf 30 Seiten natürlich keinesfalls ausführlich erscheinen. Dennoch sollten auch Anfänger recht viel verstehen, da der Autor die Sachverhalte wirklich praxisnah und verständlich erklärt. Über das bei vielen Fotografen aktuelle Thema „HDR“ (High Dynamic Range) lässt sich Timm relativ lange aus, ohne jedoch wirklich viele Bildbeispiele vorzuzeigen. Die Technik wendet er sehr dezent und angenehm an, einige Bilder erfordern genaues Hinsehen, um die Anwendung von HDR zu erkennen. Das sehr wichtige Thema „Recht“ streift Timm leider nur – wohl auch mit dem Gedanken, dass es dafür eigene Bücher auf dem Markt gibt. Beendet wird das Buch mit einem nochmaligen Abstecher in philosophische Sphären und der Frage, wie experimentelle Fotografie mit Architektur interagieren kann und darf.

Fazit

Wer sich auf den zunächst mühsam anmutenden Inhalt des Buchs „Die Kunst der Architekturfotografie“ einlässt, wird am Ende mit neuen Sichtweisen belohnt. Martin Timm wählt einen stark philosophischen Ansatz und bleibt im gesamten Werk theoretisch mit wenigen Praxistipps. Dieser Umstand ist aber eher als positiv zu werten, da sich der Leser intensiv mit der Materie der Architekturfotografie auseinandersetzen muss und lernt, Häuser in Form, Farbe und Material zu verstehen.

Quelle: Christian Öser, Chip Online

Das Buch:

Martin Timm
Die Kunst der Architekturfotografie
Individualität und Innovation

Verlag Addison-Wesley
erschienen im Dezember 2009
UVP: 49,80 Euro

Buchvorstellung beim Verlag Addison-Wesley

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