Sie sagen immer, man solle nicht in einen oberflächlichen Anti- Amerikanismus abgleiten. Meiner ist aber gar nicht oberflächlich.
- Volker PispersVolker Pispers findet sich in guter Gesellschaft. Im Bereich der Politik und des politischen Kabaretts nimmt der beiläufige Seitenhieb auf die USA, mal mehr, mal weniger böse, den Platz ein, den im normalen Witz- und Comedy-Verkehr der Humor zu Unterschieden zwischen Mann und Frau hat. Mein eigenes Verhältnis zu den USA war im Verlauf des letzten Jahrzehnts einigen Änderungen unterworfen. Es war der Anti-Amerikanismus, durch den sich meine Politisierung vollzogen hat. Besonders dem Blog USA erklärt verdanke ich einen tieferen Einblick in die amerikanische Psyche, und meine Beschäftigung mit der Geschichte und dem politischen System der USA half mir, Erkenntnisse zu vertiefen und frühere Ansichten zu hinterfragen. Verständlich bleibt Kritik an den USA, oftmals auch nur plumpe (selten feinsinnige) Polemik, denn sie ist immer hilfreich wenn man seine eigene Unabhängigkeit im politischen Denken deutlich machen will. Man stößt praktisch immer auf Zustimmung, wenn man in Deutschland Kritik an den Militäreinsätzen der USA und ihrem machtbewussten Auftreten in der Außenpolitik übt. Zustimmung erntet praktisch jeder Verweis auf die scheinbar mangelnde Kultur der Amerikaner, deren Errungenschaften auf diesem Gebiet irgendwo zwischen McDonalds, Las Vegas und Hollywood lägen. Die inzwischen schon sprichwörtliche Unbildung der Amerikaner, was die Geographie Europas angeht, ist Gegenstand zahlloser meist schlechter Scherze. Das Negativbild, das so über die USA entstanden ist, hat mit der Realität allerdings oft genug wenig gemein. Es wurzelt in trüben Epochen unserer eigenen Vergangenheit, und letztlich dient der Anti-Amerikanismus oft genug dazu, sich selbst der eigenen Großartigkeit zu versichern, auch wenn dazu eigentlich kaum Grund besteht.
Eines der bekanntesten und am häufigsten wiederholten Vorurteile gegenüber den USA ist, dass sie keine Kultur besäßen. Gemeint ist hier meistens, dass es an Malern, Dichtern oder Musikern gebricht, die es mit ihren europäischen Gegenstücken aufnehmen könnten. Das ist teilweise richtig; die ersten Musiker von Weltrang würden erst im 20. Jahrhundert die Bühne betreten, und amerikanische Maler haben nie einen Bekanntheitsgrad erreicht, wie dies etwa Michelangelo oder Rubens getan haben. Es gibt aber genügend amerikanische Dichter und Autoren. Viel schlimmer an diesem Vorurteil aber ist, dass es Quatsch ist. Im 19. Jahrhundert machte sich eine gänzlich neue Kunstrichtung breit, die ihre Anerkennung selbst heute noch sucht: die Fotographie. Viele ihrer Pioniere stammten aus den USA. Als sich um die Jahrhundertwende zudem der Film entwickelte, waren es Amerikaner, die zahllose heute noch berühmte Werke schufen (etwa "Birth of a Nation" von 1915). Das Problem bei diesem Vorurteil ist, dass die meisten Leute die es verwenden selbst keine Ahnung von Kunst haben. Wer hat schließlich je außerhalb der Schule Goethe oder Lessing freiwillig gelesen? Wer setzt sich nach Feierabend vor einen van Gogh anstatt vor die Glotze oder schwelgt in den Klängen Haydns? Die Vorstellung ist absurd. Es handelt sich vielmehr um eine chauvinistische Attitüde.
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| Filmplakat 1915 |
Man kann kritisieren, dass sie flach sei und eigentlich gar keine Kultur. Ich halte das für falsch. Sicher erreicht sie nicht die mehrdeutigen Tiefen, die Schillers Werke auszeichnet. Sicher sind die meisten Hollywood-Produktionen großer Quatsch. Allerdings gilt das für 95% dessen, was zwischen 1770 und 1830 in Deutschland gedichtet wurde auch. Goethe und Schiller sind Ausnahmen, nicht die Regel. Den miesen Rest haben wir nur vergessen. Dazu kommt, dass der Prophet stets am Wenigsten im eigenen Lande gilt. Kultur wurde noch nie von den Zeitgenossen als solche betrachtet. Die Adelung zum Kulturgut, das Erhalten und Verfielfältigen und dann später das Quälen zahlloser Schülergenerationen, kommt immer erst später. Wer weiß, vielleicht werden in 20 oder 30 Jahren in der Schule Filme besprochen, die wir heute lieben und über die die späteren Schüler dann stöhnen werden. Ein anderes Beispiel ist Jazz: die Zeitgenossen sahen es als Negermusik an, als wilden, chaotischen Mist, den ein ordentlicher Mensch nicht hört. Heute gehört das andächtige Lauschen von Ray Charles zum Ausdruck von Kunstverständnis. Werke dieser Massenkultur aber einfach dafür zu kritisieren, dass sie für den Kommerz und damit den Profit gemacht werden ist geradezu hirnissig. Genausogut hätte man Michelangelo und Leonardo da Vinci vorwerfen können, dass sie immer nur für reiche Auftraggeber arbeiten.
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| US-Marines bei der Einnahme Saddam Husseins Palast 2003 |
Es führt zu weit, sich mit all diesen Fällen zu befassen. Neben den bereits erwähnten Interessenverschränkungen muss man den USA immerhin konzedieren, dass sie von der Gefahr kommunistischer Umstürze tatsächlich überzeugt waren (was aus ihren Handlungen selbstverständlich immer noch kein Recht macht). Es ist die Kritik an ihrer Außenpolitik, in der antiamerikanischer Protest, oftmals zu Recht, seinen sichtbarsten Ausdruck findest. Die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in den 1960er Jahren und die Demonstrationen gegen den Irakkrieg 2003 übten beide eine gewaltige Anziehungskraft auf Bevölkerungsschichten aus. Zur Ehrenrettung der Amerikaner darf man hier aber nicht verschweigen, dass die Bevölkerung selbst krasse Fehlentwicklungen der Außenpolitik wie Irak und Vietnam selbst korrigiert. Beide Kriege wurden gerade wegen des anhaltenden Protests in den USA selbst beendet. So begeistert eine Bevölkerungsmehrheit auch in falsch verstandenem Patriotismus hinter den Einsätzen stand - es gab stets auch Amerikaner, die Protest geübt haben. Dieser Protest war dabei in den Augen der Exekutive auch nie illegitim. Das Recht auf Meinungsfreiheit und das Ausdrücken dieser Meinungsfreiheit hat in den USA einen sehr viel höheren Stellenwert als hierzulande.
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| Bush unterzeichnet den "Patriot Act" |
Die harte Linie, die die USA oft in der Außenpolitik einnehmen, wird durch zahlreiche Umfragen kontrastiert, denenzufolge die meisten US-Bürger nicht die geringste Ahnung von Geographie haben. So wissen sie nicht, dass Afrika ein Kontinent und kein Land ist, vermuten den Iran in Australien und haben noch nie von Kanzlerin Merkel gehört. Abgesehen davon, dass man auf deutschen Straßen genausoviele Leute ohne Ahnung finden kann - die Unbildung vieler Amerikaner über die genauen politischen Verhältnisse in Europa ist kein solcher Ausdruck von Ignoranz, wie das oftmals scheint. Oder kann jemand aus dem Stand den Premierminister Kanadas nennen? Weiß jemand, wer gerade in Mexiko regiert? Ob Bolivien oder Venezuela weiter südlich liegen? An wie viele Länder Chile angrenzt? Das Wissen über (politische) Geographie ist stark vom Standpunkt abhängig. In Europa vergessen wir außerdem gerne, dass die USA so groß sind wie Europa ohne Russland zusammengenommen. Da verschieben sich Maßstäbe automatisch. Die Volkswirtschaft von Kalifornien ist größer als die der meisten EU-Mitglieder, und es scheint deswegen ratsamer, den Gouverneur dieses Staates zu kennen als den Ministerpräsidenten Spaniens. Nicht umsonst orientieren sich Highway-Schilder in den USA an den Himmelsrichtungen und nicht wie bei uns an den Städten. Welcher Kalifornier weiß schon genau, ob er in Richtung Mobile oder in Richtung Little Rock eher an sein Ziel kommt?
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| Tea-Party Protestler |
Überhaupt, der Dissens. Die Tea-Party-Bewegung fußt auch auf dem Statement "dissens is patriotic". Im Gegensatz zu Deutschland, wo Ordnung und Fraktionsdisziplin über alles gehen (nicht, dass man nicht trotzdem darauf schimpfen würde. Die Deutschen können genauso schizophren sein wie die Amerikaner), hat die Diskussion und der Dissens einen positiven Stellenwert. Die Amerikaner sind stolz darauf, viel zu wählen. Vom Hundefänger über den Polizeichef bis zum Staatsanwalt und Abgeordneten wird alles gewählt. "Townhall Meetings", bei denen sich etwa der Präsident den Fragen der Wähler stellt, sind in Deutschland fast undenkbar. Es verwundert ausländische Beobachter auch immer wieder, wie furchtbar ineffizient das amerikanische System ist, wie viele verschiedene Institutionen miteinander verschränkt sind und sich gegenseitig in den Arm fallen. Steht man mit dem Herzen bei einer bestimmten Sache, etwa Obamas Gesundheitsreform, will man einfach nur schreien wenn man beobachtet, wie sie Stück für Stück zerpflückt wird. Veränderungen geschehen auf diese Weise nur extrem langsam. Es dauerte über 60 Jahre, bis die USA die Sklaverei abschafften, und noch einmal fast exakt 100 Jahre, bis endlich rechtliche Gleichberechtigung für alle Rassen hergestellt war (die faktische Gleichberechtigung wird wohl noch einmal ihre 60, 70 Jahre in Anspruch nehmen). Das ist ein Nachteil des amerikanischen Systems. Sein unschlagbarer Vorteil aber ist, dass während es unfähig ist positive Änderungen schnell zu initiieren, es auch keine Chance hat negative Änderungen durchzudrücken.
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| Friedrich "der Große" |
Allein diese historische Leistung rechtfertigt Respekt vor den Amerikanern. Ohne sie lebten wir heute vielleicht in einem Großdeutschen Reich von Archangelsk bis zu den Vogesen, in dem im Gleichschritt über Werte wie Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit hinweggetrampelt würde. Machen sie Fehler? Sicherlich. Haben sie Fehler begangen? Ohne Zahl. Wird die US-Geschichte mit Blut geschrieben? Ohne Zweifel. Aber niemals haben die USA solche Fehler begangen wie die Deutschen. Viele ihrer Charaktermerkmale kann ich kaum verstehen. Wie man so einen nachgerade fanatischen Glauben in die Kraft des Individuums und solches Misstrauen in jegliche staatliche Normierung hegen kann ist mir unbegreiflich. Wie man einerseits so stolz auf seine eigenen grundrechtlichen Errungenschaften sein kann und es dann klaglos hinnimmt, dass Soldaten auf der ganzen Welt diese Werte mit Füßen treten entzieht sich mir. Ich bin mir aber sicher, dass die Welt ohne die USA heute eine schlechtere wäre. Die Ideale dieses Landes und seiner Bevölkerung hatten über Jahrzehnte eine gewaltige Strahlkraft. Sollte diese Strahlkraft nun erlöschen, weil das Land - wie es in apokalyptischen Szenarien gerne und mit einem wohligen Schauder ausgemalt wird - langsam zerfällt, dann wird das unangenehme Konsequenzen für uns alle haben. Wollen wir hoffen, dass die USA noch lange bestehen bleiben und ihren Glauben an ihre Werte erhalten.
Alle Bilder Wikimedia Commons.








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