Ressort Literatur

Kenneth Opel: Düsteres Verlangen

Erstellt am 29. August 2012 von Finiwini

KENNETH OPPEL

Gebundenes Buch: 384 SeitenHerausgeber: Beltz und Gelberg Erscheinungsdatum: 9. Juli 2012 Originaltitel: "This Dark Endeavor"

Leseprobe 

Die Frankenstein Zwillinge könnten, trotz ihrer unglaublichen Geschwisterliebe, unterschiedlicher nicht sein. Konrad, der vernünftige, besonnene und immerzu höfliche junge Mann, dem die Sympathie eines jeden nur so zu zufliegen scheint und Victor, der draufgängerische, freche und mutige, dem kein Abenteuer zu gefährlich ist. Doch Victor ist nicht der fröhliche und unbedachte junge Mann, für den ihn ein jeder hält. Immerzu steht er im Schatten seines Bruders, dem die ganze Aufmerksamkeit zuteil wird. Als sich dann auch noch herausstellt, dass Konrad eine Liebesbeziehung zu Elisabeth, einem Mädchen, dass in der Familie Frankenstein aufgewachsen ist, hat, setzt Victor alles daran, Elisabeths Herz zu gewinnen.

Doch seine spielerischen Avancen finden ein jähes Ende, als Konrad schwer erkrankt und kein Arzt in der Umgebung in der Lage zu sein scheint, ihn zu heilen. Victor fühlt sich wie gelähmt. Als er durch Zufall alchemistische Bücher in der geheimen Familienbibliothek findet, die von einem "Elixier des Lebens" erzählen, sieht er eine Chance, den geliebten Bruder zu heilen. Zusammen mit Elisabeth und seinem Freund Henry, versucht Victor mit der Hilfe eines berüchtigten Alchemisten, diesen Trunk nachzubrauen. Doch um an die Zutaten zu gelangen, müssen die Freunde gefährliche Abenteuer überstehen.
"Düsteres Verlangen", ein Prequel zu Mary Shelleys "Frankenstein", ist ein wahnsinnig atmosphärisches Buch, dass schon alleine durch die Stimmung, in die es seine Leser versetzt, zu fesseln vermag. Zusammen mit den höchst unterschiedlichen, aber allesamt sympathischen Protagonisten und den aufregenden und gefährlichen Quests, die diese zu bestehen haben, um an die Zutaten für das Elixier des Lebens zu gelangen, wurde dieser Roman für mich zu einem Lesegenuss der Extraklasse

Gerade die Charaktere der Zwillinge haben mich total für sie eingenommen. Besonders faszinierend fand ich, dass Kenneth Oppel es geschafft hat, die zwei Brüder zu tiefst unterschiedlich und dennoch kein bisschen stereotypisch darzustellen. Obwohl der Hauptaugenmerk auf Victor, dem Ich-Erzähler, liegt, lernt man auch Konrad kennen und vorallem schätzen. Dennoch ist es Victor, der mein Herz für sich erobern konnte. 

Dieser junge Mann ist von so vielen Zweifeln befallen, die vorallem seine eigene Persönlichkeit betreffen, dass es scheint, als habe er seine draufgängerischen Charakterzüge alle nur zur Fassade aufgebaut, um zu überspielen, wie unsicher er eigentlich ist und wie sehr es ihn stört, dass sein Bruder immer derjenige ist, dem mehr Bewunderung zuteil wird, als ihm. Ich konnte seine Ängste, seinen Neid und all seine anderen Emotionen wirklich wunderbar nachfühlen. Natürlich handelt es sich bei ihm um einen Charakter mit extrem vielen Fehlern und Schwächen, die sich meist in Selbstsucht und Egoismus zeigen, aber genau das macht ihn für mich so authentisch und glaubhaft. 

Er ist nicht der typische Held, wie man ihn aus den derzeit so beliebten Jugendromanen kennt, der die Sympathie aller auf sich zieht.Aber der Autor hat mit Victor offenbar noch viel mehr vor, als nur zu zeigen, dass ein Jugendroman nicht unbedingt einen perfekten Ritter in strahlender Rüstung benötigt. Denn zum Ende hin lässt er Victor eine Entwicklung durchlaufen, die nicht nur haargenau zu der düsteren und mystischen Stimmung des Romans passt, sondern auch auf Mary Shelleys Roman, "Frankenstein", hinarbeitet. Denn Victor wird von seinen Zweifeln, den Ängsten und dem Neid irgendwann so sehr getrieben, dass man sich fragt, ab wann man von Obsession und Besessenheit sprechen kann.

Besonders gelungen fand ich auch die vielen Abenteuer, die Henry, Victor und Elisabeth bestreiten musste, um an alle Zutaten für das Lebenselixier zu gelangen. Hier setzt Kenneth Oppel nicht nur auf Spannung, sondern vorallem auch auf Gruselelemente und den Ekelfaktor. Zwar bleibt das alles soweit im Rahmen des Erträglichen (auch für jüngere Leser), dennoch jagen diese Aspekte, zusammen mit der ohnehin schon düsteren und getriebenen Stimmung, einem einen ganz schönen Schauer über den Rücken. In diesem Zusammenhang hat mich vorallem der Charakter der Elisabeth fasziniert. Denn obwohl sie eine anständige, höfliche und damenhafte junge Frau ist, ist sie unheimlich mutig und scheut nicht davor zurück, schmutzige Wege zu bestreiten, sich gefährlichen Monstern entgegenzustellen und gegen diese zu kämpfen. Eins also schonmal vorne weg: Kenneth OppelsCharaktere sind unheimlich vielschichtig und facettenreich und keiner lässt sich in irgendeiner klischeehafte Schublade stecken. 

Auffällig ist auch, dass in diesem Roman nichts dem Zufall überlassen wird. "Düsteres Verlangen" scheint vom Autor wahnsinnig gut durchdacht worden zu sein, denn jede noch so unbedeutend erscheinende Kleinigkeit, die man nach wenigen Seiten schon wieder vergessen hat, wird im Verlauf des Buches wieder aufgegriffen und erweist sich als überaus wichtig. Die einzelnen Ereignisse bauen wahnsinnig gut aufeinander auf, sodass ich mehr als nur einmal ein "Aha-Erlebnis" hatte. Ein so gut durchdachtes Buch habe ich wirklich selten gelesen.

Das Ende kommt unerwartet, auch wenn man, sollte man grob wissen, worum es in "Frankenstein" geht, sich eigentlich schon denken kann, wie "Düsteres Verlangen" enden muss. Richtig gut gelungen ist Kenneth Oppel das Ende aber dennoch! Er setzt, wie in seinem gesamten Roman, nicht auf übertriebene Dramatik, sodass der Schluss kein Paukenschlag ist. Er wird in leisen Tönen erzählt und die Melancholie, die düsterer Atmosphäre und der getriebende, beinahe besessen zu sein scheinende Victor dominieren den Schluss. 

Das Buch kann man eigentlich mit wenigen Worten beschrieben: Durch und durch gelungen! Es passt nicht nur alles perfekt zusammen und baut aufeinander auf, der Roman hat auch alles zu bieten, was einen wirklich guten Roman ausmacht: Spannung, Leidenschaft, Abenteuer, Intrigen, vielschichtige Charaktere und eine atemberaubende Stimmung, derer man sich während des Lesens nicht entziehen kann. Nach Beenden des Buches wollte ich unbedingt erfahren, wie es mit Victor weitergehen wird. Nur gut, dass man das ja in dem Klassiker "Frankenstein" nachlesen kann. Auf dieses Buch hat mir "Düsteres Verlangen" jedenfalls so richtig Lust gemacht!


KENNETH OPPEL
 Vielen Dank an Beltz und Gelberg und "Die Leserwelt liest und lauscht" für dieses Leseexemplar!

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