Ressort Literatur

JAY ASHER & CAROLYN MACKLER "WIR BEIDE, IRGENDWANN"

Erstellt am 19. Juni 2012 von Finiwini

Gebundene Ausgabe: 400 SeitenHerausgeber: cbt Erscheinungsdatum: 27. August 2012Originaltitel: "The Future of Us" 


Wir schrieben das Jahr 1996. Die 16-jährige Emma hat gerade ihren ersten Computer bekommen. Als Emma sich einloggt, öffnet sich eine überaus ominöse Internetseite mit dem Namen "Facebook". Zuerst hält Emma das ganze für einen schlechten Scherz, denn auf dieser Seite ist ein Bild von einer 30-jährigen Frau zu sehen, die Emma verblüffend ähnlich sieht, ihren Namen trägt und am selben Tag wie sie Geburtstag hat. Doch als Emma sich mehr und mehr auf "Facebook" umsieht, muss sie feststellen, dass die Seite echt ist und ihr einen direkten Einblick in ihr zukünftiges Leben in fünfzehn Jahren liefert. Als sie sieht, dass auch Josh, ihr ehemal bester Freund, eine Seite auf "Facebook" hat, zieht sie in mit in die Geschichte hinein. Im Gegensatz zu Josh allerdings, der das hübscheste Mädchen der Highschool heiraten und reich werden wird, sieht Emmas Leben alles andere als rosig aus. Ihr Mann scheint sie zu betrügen und sie wird arbeitlos sein. Um später einmal ein besseres Leben führen zu können, ändert Emma ganz bewusst, Dinge in ihrer Umgebung, die sich auch auf ihre Zukunft auswirken werden. Dass sich dadurch aber auch Dinge in der Zukunft ihre Freunde ändern werden, zieht Emma nicht in Betracht. Außerdem: Wer sagt, dass ihr zukünftiges Leben sich zwingend zum besseren verändern wird?
Die Idee von "Wir beide, irgendwann" hat mich sofort begeistert. Ein Leben ohne Facebook können sich in der heutigen Zeit einige schon gar nicht mehr vorstellen. Daher dachte ich mir, dass es sicherlich spanned wäre, mitzuerleben, wie zwei Jugendliche, in deren Welt es Facebook eigentlich noch gar nicht geben dürfte, auf eben diese Seite treffen. 

Meine Erwartungen wurden auch sogleich auf den ersten paar Seiten umgesetzt. Der Einstieg in den Roman ist relativ abrupt. Schon auf den ersten paar Seiten nämlich stößt Emma auf Facebook und erfährt die ersten erschütternden Dinge über ihre Zukunft. Mir hat es gut gefallen, dass die Geschichte so unvermittelt beginnt, da ich langes Anfangsgeplänkel nicht mag und lieber sofort mitten ins Geschehen geworfen werde. Auch wenn man als Leser sofort in die Handlung hineingezogen wird, lernt man doch einiges über Emma und Josh, sodass beide nicht allzu flach wirken. Die Beziehung zwischen den beiden ist ziemlich kompliziert. Da sie direkte Nachbarn sind, sind sie von Kind auf miteinander befreundet, hatten ihre eigene Zeichensprache und waren einfach unzertrennlich. Ein paar Monate bevor der Roman beginnt, startete Josh allerdings den Versuch, Emma zu küssen und bekommt von ihr einen Korb. Seitdem hat Josh sich ziemlich von Emma distanziert. Als die beiden durch Facebook allerdings wieder mehr Zeit miteinander verbringen, merken sie schnell, dass man so eine starke Freundschaft, wie sie sie einst hatten, nicht einfach so wegwerfen kann und nähern sich einander wieder an. 

Generell haben mir die beiden Protagonisten sehr gut gefallen. Der Roman ist abwechselnd aus Joshs und Emma Sicht geschrieben, was dem Leser beide Charaktere näher bringt und ihre Emotionen greifbarer und authentischer erscheinen lässt. Beide unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit maßgeblich voneinander. Emma wechselt ihre Freunde relativ häufig und ist auch mal mit einem Kerl zusammen, denn sie eigentlich gar nicht so recht leiden kann. Sie ist impulsiv und teilweise ziemlich naiv. Josh hingegen wirkt oft ein wenig schüchtern und zurückgezogen. Er ist nicht gerade ein Mädchenschwarm, handelt dafür aber bedacht und überlegt. Als die beiden dann zusammen auf Facebook stoßen, ist ihre Reaktion darauf sehr unterschiedlich. Emma ist gleich zu Beginn dazu verleitet, zu glauben, dass diese Seite ein Einblick in ihre Zukunft ist und ist ganz scharf darauf, möglichst viel über sich herauszufinden. Josh hingegen ist sehr skeptisch und hält das Ganze lange Zeit für einen Scherz. Als er jedoch sieht, dass er in der Zukunft mit der heißen Sydney Mills verheiratet sein wird, versucht er zum ersten Mal mit diesem Mädchen in Kontakt zu kommen - und hat sogar Erfolg! Dennoch versucht Josh nicht, seine Zukunft in irgendeiner Weise zu beeinflussen, sondern nimmt die Dinge wie sie kommen. 

Ganz im Gegensatz zu Emma, der keine Zukunft zu passen scheint, die Facebook ihr anbietet. Immer wieder führt sie ganz bewusst eine Änderung ihrer Zukunft herbei, auch wenn sie mit der jetzigen eigentlich recht zufrieden sein könnte. Außerdem sollte man sich nicht vielmehr auf die Gegewart konzentrieren, als nur für die Zukunft zu leben?

Und genau das möchten uns die beiden Autoren mit "Wir beide, irgendwann" wohl auch sagen. Wir verbringen viel zu viel Zeit damit, unsere Zukunft zu planen und sie uns in den buntesten Farben auszumalen. Wir sollten vielmehr für das Hier und Jetzt leben und die Zeit genießen, die gerade vor uns liegt. Schließlich hat man am Ende doch so wenig Einfluss auf seine Zukunft, egal wie groß die eigenen Bestrebungen sind. Genau das müssen Emma und Josh in diesem Roman auch erfahren! Am Ende kommt doch alles anders, als man denkt!

Der Schreibstil ist sehr ungezwungen und jugendlich. Dadurch wirkt die gesamte Handlung authentisch und die einzelnen Kapitel, die im übrigen sehr kurz sind, lassen sich schnell lesen. Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen, da durch die Jugendsprache Emma und Joshs Gedanken besonders gut verdeutlicht werden und man sie ihnen so sehr leicht abkaufen kann.
Was zu meckern habe ich, obwohl ich den Roman echt toll fand, leider dennoch: Die Handlung steht für meinen Geschmack ein wenig zu sehr im Vordergrund. Dadurch erfährt man leider recht wenig über Emma und Josh und auch ihre Gefühle, so authentisch sie auch sein mögen, WENN sie mal zur Sprache kommen, nehmen nur einen sehr geringen Teil in diesem Buch ein. Durch die Ich-Perspektive kann mich sich zwar ganz gut in Emma und Josh hineinversetzen, aber gerade Emma wirkte auf mich teilweise ein wenig oberflächlich, da ihre Gefühle einfach zu wenig zum Ausdruck kommen.

Trotz dieses kleinen Kritikpunktes hat mir "Wir beide, irgendwann" wirklich gut gefallen. Gerade die Kernaussage des Romans, nämlich, das man für das Hier und Jetzt leben sollte, hat mich nachdenklich gestimmt und dem Buch die nötige Tiefe verliehen. Ich kann diesen Roman wirklich jedem empfehlen, der auch manchmal das Gefühl hat, die Gegenwart würde nur so an ihm vorbeirauschen, da er viel zu sehr auf die Zukunft fixiert ist. Dieses Buch leitet seine Leser an, einen Gang herunterzuschalten und das zu genießen, was das Leben einem in diesem Augenblick zu bieten hat.


Ein herzliches Dankeschön an den cbt Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplares!

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