Ressort Gesellschaft
Im Second Life der Redakteure?
Erstellt am 6. Februar 2013 von RobertodelapuenteWenn im Feuilleton, in Kommentarspalten und in einigen Weblogs über ein Thema fabuliert wird, wenn etwaige Fernsehsender ihre Talkmaster auf ein Thema ansetzen, das zuvor ebendort schon abgehandelt wurde, dann soll das schon ein ganzes Land in Diskussion sein? Das muss aber ein kleines Land sein. Oder es haben die, die es unter "ganz Deutschland" schon nicht mehr machen, die sich solche Aufmacher ersinnen, einfach nur ein sehr kleines Wahrnehmungsspektrum. Ist das repräsentativ für ein Land, wenn mögliche 300 Kommentatoren, das vielleicht Fünffache an Bloggern und eine Handvoll Talker mit jeweils vier bis acht Gästen über ein Thema quatscht?
Gehören die Leute im Bus, die neben mir sitzen, gehören meine Kollegen und Nachbarn, all die Eltern im Fußballverein meines Kindes, nicht auch auf irgendeine nicht näher zu definierende Weise zu Deutschland? Komisch nur, dass bislang keiner darüber in meiner Gegenwart diskutiert hat. Selbst der Zeitungsleser im Bus, der seine Zeitung weglegte, just ein Bekannter zustieg, quasselte von Fußballergebnissen und Opel, nicht aber vom Sexismus, obwohl er sicher kurz davor noch davon gelesen hatte - mindestens den übergroßen Bericht zu diesem Thema musste er doch wahrgenommen haben.
Was ist dieses Deutschland, das da als eine Verwaltungseinheit voll gleichgeschalteter Diskussion beschworen wird? Findet es noch im real life statt oder ist es schon völlig in seinen Kommentarspalten und den Denkmustern von Redakteuren und Meinungsmachern aufgegangen? Ist das Agenda Setting der Medien nichts weiter, als die festgesteckte und vorgefertigte Realität, in der dieses Land sich organisiert und diskutiert? Wenn ganz Deutschland diskutiert, wer bedient mich eigentlich beim Bäcker und wer hat neulich die Sparkasse ausgeraubt? Wie finden die Leute nur die Zeit, zwischen all den Diskussionen auch noch etwas Gewerbliches zu machen? Im Seniorenstift, in dem meine Großmutter lebt, scheint mir keine Diskussion zu was auch immer, je heftig entbrennen zu können. Wahrscheinlich liegt es nicht in Deutschland?
Gibt es Deutschland noch oder ist es mittlerweile schon das Second Life von Gazetten und Broadcast? Autosuggestionen irgendwelcher Hauptschriftleiter? Besteht dieses Deutschland nur noch im virtuellen Rundgang und ist bevölkert von Avataren, die sich von Redaktionsstuben aus einloggen? Ist denn überhaupt, man muss diese Frage bei all diesen Disharmonien zwischen Wirklichkeit und Anspruch mal stellen, das gemeinte Deutschland das, in dem auch ich lebe? Oder meint man damit durch die Blume gesagt, dass man gerne hätte, das alle das diskutieren, was gerade eine publizierende Minderheit als diskutabel festschreibt? Ist der verwendete Begriff "Deutschland" vielleicht gar nur eine Metapher für "Kommentarspalten, Kolumnen, Talkshows"?
Die Welt als Wille und Vorstellung? Oder wo ein Wille ist, ist auch eine Diskussion? Ich habe den Namen Brüderle nie im Bus gehört, nie beim Einkaufen, nicht beim Fußball oder unter Kollegen - sie kommen ohne ihn und dem angeblichen Tatbestand seiner Anmache aus. Viele von denen fühlen sich als Teil von Deutschland. Manchmal viel zu sehr für meinen Geschmack. Bekommen sie die deutsche Staatsbürgerschaft moralisch aberkannt, weil sie nicht diskutieren, was sie laut Redaktionen aber sollten? Und ist die Aussage am Schanktisch, "Haste das vom Brüderle gehört - je oller, je doller!" schon Diskussion? Definiert sich dieses Deutschland durch einen Diskussionspatriotismus, mittels dem Diskussion an Diskussion gereiht wird?
Ich habe gestern, obgleich ich in Deutschland war, keinen Gedanken an das Thema verschwendet, an dem ganz Deutschland gerade kaut. Bin ich noch in diesem Land oder ist es bereits weitergezogen? Habe ich mich aus dem Second Life, das Redaktionen wahrscheinlich mit der Wirklichkeit verwechseln, ausgeloggt? Haben sich die Menschen meines Umfeldes zur autonomen Region erklärt, weil sie offensichtlich nicht diskutieren?
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