Geiseln des Terrors: Überlebensgeschichten

Der Terror schreibt Lebensgeschichten brutal um. Wenn Opfer davon erzählen, ist das nicht schön zu lesen - aber lesenswert...

Gefangene im Biografien-BlogLizenz: Gemeinfrei

Beiträge wie diesen würde ich am liebsten nicht schreiben. Er handelt von Gewalt, Leid und Tod. Aber mein Anspruch an den Biografien-Blog ist nicht, nur die schönen Lebensgeschichten zu zeigen. Überall auf der Welt schreibt der Terror täglich Lebensgeschichten brutal um. Wie die von Sadiya und Talatu, die von der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram verschleppt worden sind. Oder die des Nordkoreaners Timothy Kang, den das totalitäre Kim-Regime verfolgt hat: Nicht schön zu lesen, aber unbedingt lesenswert...

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Aufgelöstes Geschrei. Boko Haram kommt. Panik. Soldaten fliehen Hals über Kopf aus dem kleinen  Dorf in Nigeria – und mit ihnen die Männer, Frauen und Kinder, die sie hätten beschützen sollen. Für viele ist es zu spät. Sie fallen dem blinden Hass der islamistischen Terrormiliz zum Opfer. Männer werden auf grausame, blutrünstige Art hingerichtet, Mädchen und ihre Mütter verschleppt in den dunklen und bedrohlichen Urwald Sambisi. Dort warten Vergewaltigung und Zwangsverheiratung, Erniedrigungen und Entwürdigungen – und immer wieder der Tod. Es ist eine Sache, in den Nachrichten flüchtig die Massenentführungen der Boko Haram wahrzunehmen und entsetzt den Kopf zu schütteln – oder die erschütternden Erzählungen der (geretteten und traumatisierten) Opfer nachzulesen. Der Zeitungsjournalist Wolfgang Bauer hat einigen von ihnen Stimmen gegeben. Sein Buch „Die geraubten Mädchen“ moderiert die Erinnerungen in einer Art von ausgedehntem Reportage-Format. Er lässt die Frauen selbst sprechen, die der Boko Haram entkommen sind und streut das nötige Grund- und Ergänzungswissen zur politischen, gesellschaftlichen und  religiösen Entwicklung Nigerias unaufdringlich, aber hilfreich ein. Überhaupt beschränkt sich das Buch auf das Wesentliche und transportiert deshalb umso wirkungsvoller seine Botschaften von zerstörerischem Religionswahn und menschlicher Grausamkeit. Bauer gibt den Terroropfern nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht. Das Buch eröffnet mit einer Serie von ästhetisch brillanten Porträtfotos seiner Gesprächspartnerinnen. Trotz aller künstlerischer Zurückhaltung üben schon diese Bilder eine bedrückende Anziehungskraft aus, weil sie die tragischen Lebensgeschichten in einem Augenblick verdichten, der eine schreckliche Ahnung des unfassbaren Leids aufsteigen lässt. Die menschenverachtende Gewalt des Terrors ist in diesen Fotografien greifbarer als in jeder Opferstatistik.

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Zumal wir ohnehin nur die wenigsten Terroropfer kennen, so wie wir auch häufig nur für ganz bestimmte Zielgruppen sensibel sind: Flugzeugpassagiere, Weihnachtsmarktbesucher und U-Bahnfahrer sind uns oft näher als die Mädchen in Nigeria, weil wir selbst schon oft geflogen, gependelt oder über Volksfeste gebummelt sind. Deshalb sind die beiden Bücher auch wertvolle Impulsgeber, die Welt mal nicht nur durch die Designerbrille des Westens zu sehen. Denn auch der Bericht von Timothy Kang, der in Nordkorea aufgewachsen und verfolgt worden ist, ist kaum zu ertragen. Kang erzählt davon, wie er bittere Gräser essen muss, um nicht zu verhungern. Er berichtet von der Verzweiflung seiner Mutter, als er die ungenießbaren Gräser nicht bei sich behalten kann – das wäre sein Tod. Er berichtet von seinem Großvater, der verhungert, weil er seine letzte Rationsmarke dem Enkel überlässt – damit wenigstens er überleben kann. Neugeborene können von ihren hungernden Müttern nicht versorgt werden und sterben. Seine Hoffnungen steckt der junge Timothy Kang in eine Flucht nach China und in die Zuflucht bei Jesus Christus. Beides wird ihm zunächst zum Verhängnis, den das nordkoreanische Regime duldet keine Götter neben sich. Die schlimme Zeit im Gefängnis steht Kang nur durch, weil er sich an seinen Glauben klammert. Davon zu berichten ist dann auch die zweite große Motivation seines Erfahrungsberichts. Die Eindringlichkeit, mit der er von seiner Erweckung und Erlösung erzählt, nimmt leider an manchen Stellen zu viel Raum ein – die Botschaft wäre besser rübergekommen, wenn er sie ein bisschen weniger plakativ verpackt hätte. Gleichwohl ist auch sein Buch ein erschütterndes Zeugnis menschlicher Unbarmherzigkeit, das ans Eingemachte geht.

Einzelschicksale wie die, die in diesen beiden Büchern geschildert werden, lassen sich nicht in platte Phrasen und simple Welterklärungsformeln pressen. Sie wahrzunehmen, innezuhalten und sich ganz auf sie einzulassen ist schwer, aber wirkungsvoll, um sich innerlich und argumentativ gegen populistische Einflüsterer zu wappnen.

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