Wenn alle von diesem Buch reden, dann muss etwas darin sein. 16 Millionen Leserinnen und Leser lügen sich hier sicher nicht in die eigenen Taschen des bloßen, lustigen Zeitvertreibs. Etwas muss darin sein.
Der sublime Akt eines Gegenentwurfs zur radikalen Fremdbestimmtheit durch die kapitalistischen Wahnsinnsprozesse? Die Neuausrichtung des Selbst durch den Sexus, der in der Unterwerfung liegt? Die Fremd- und Selbstausbeutungen der Körper, weil die Welt dort draußen als Tummelplatz der Kreativitäten und der beglückenden Selbstprojekte unausbeutbar geworden ist? Traurige Sinnsuchen trauriger Sinnsucher, die in körperlichen und psychischen Duldungsprozessen stattfinden und im Schmerz ihre Heimat finden? Die Erfahrung virtueller Sinnfülle, die sich im Verlust der physischen und seelischen Unverversehrtheiten manifestiert? Die Rollen, die Funktionen, das Spiel, die alle drei die freie, selbstbestimmte Anverwandlung von Welt ersetzen? Das Spiel von Selbstverstörung und Selbstaufgabe?
Eins vorweg: Wer sich von diesem sprachlichen Machwerk luststeigernde Fiktionen verspricht, hat sich im rezeptionsästhetischen Ton vergriffen. Hat sich vergriffen auch in den
Erwartungungshaltungen, die sich mehr ersehnten als sie durch diese Bücher serviert bekommen. Wer hier eine Oase der Lüste
zu erkennen glaubt, lebt vermutlich schon etwas länger in den Wüsteneien der Prüderie und kann nicht anders als nur "Mommy Porn". Immerhin, in den USA ist dieses ge(Schund)ene Stück BDSM Literatur der Renner. Den Amis sei es gegönnt. God's own country hat etwas steife Brise unter dem Rock der steinzeitlichen Moral bitter nötig.
Was mich stutzig macht sind manche Verrenkungen von Kritiken, die aus dem Lager der Emanzipationsbewegten herüberschwappen. Um nur eine zu nennen: "Dieser Unterhaltungsroman ist das Gegenteil von Pornografie, in der der Sex entpersonalisiert ist. Die Frau wird nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibt denkendes und handelndes Subjekt." (Alice Schwarzer) So rettet man sich also aus einem miesen, weichgespülten pornografischen Pamphlet (denn Pornografie ist es gleichwohl und das Märchen, dass nur Pornografie sei, was die Objektivierung der Frau vorantreibt, bleibt ein Märchen) hinüber in die im Nachhinein sanktionierte erotische Sinnsuche einer jungen Frau, die am Ende die Kurve kriegt. Weil sie eine Volte schlägt von sadistischer Fremdbestimmtheit auf "allen Vieren" zum selbstbestimmten "aufrechten Gang". Ende gut alles gut. Wie wäre das Urteil ausgefallen, wenn sich Christian Grey einem emanzipierenden Läuterungsprozeß hätte unterwerfen müssen? Wenn er am Ende die Volte geschlagen hätte zur totalen Emphase der Empathie?
Dass Schwarzer eine waghalsige interpretatorische Leistung abgibt sollte jedem klar sein, der sich die Mühe macht die Frage zu beantworten, warum Männlein und Weiblein gleichermaßen BDSM als großes, inszenierendes Narrativ begreifen, als Theater der erotischen Selbstbestimmung, in dem Publikum und Darsteller sozusagen in Eins fallen. Wo die Stufen des Zumutbaren in einer Art Vertrag festgehalten sind und man sich die zugefügten Wunden und Narben gegenseitig leckt. Und wo es eben keine Volte geben darf und soll. Den Sadismus in der Hauptsache als Krankheit des Mannes, den Masochismus der Frau als vorübergehende Verwirrung zu begreifen, geht an der gelebten Wirklichkeit vorbei.
Wir leben in der Welt der Narrative und ihrer Versatzstücke. BDSM ist nur ein Simulacrum unter vielen. Positiv gewendet kann es als Konzept produktiver Phantasie begriffen werden. Nach Roland Barthes rekonstruiert ein Simulacrum seinen Gegenstand durch Selektion und Neukombination und konstruiert ihn so neu (Quelle: Wikipedia). Nach Barthes ensteht "Welt, die der ersten ähnelt, sie aber nicht kopieren, sondern einsehbar machen will“. Diese Sichtweise subsummiert vermutlich aber auch jede Art von Spiel, deren Motive psychischen Defekten geschuldet sind.
Ich interpretiere BDSM als mimetischen Wurmfortsatz der kapitalistischen Ausbeutung von Geist und Seele unter dem Heiligenschein freiheitlicher Willensbekundungen. Kein Spiel nur noch des Spielens wegen. Diese Art Spiel erzeugt in mir einen faden Beigeschmack, wenn es um die angestrengten Sublimationsakte der Bemäntelung real existierender Leerstellen im Leben der Protagonisten geht. Ein Spiel, dessen Negativspiegel die Welt dort draußen ist. Eine Gratwanderung der menschlichen Psyche. Für Mann und für Frau.Aber vielleicht täusche ich mich nur. Vielleicht gibt es keine Sinn-Leerstellen, die zu füllen wären. Vielleicht gibt es dieses Spiel als Spiel wirklich. Vielleicht gibt es den Zugewinn an Phantasie ja wirklich, und die Macht und die Unterwerfung als Lustempfinden.
Köln (dapd). Die Publizistin Alice Schwarzer verteidigt den Erotikroman "Shades Of Grey. Geheimes Verlangen" über eine sadomasochistische Beziehung gegen Pornografievorwürfe. "Dieser Unterhaltungsroman ist das Gegenteil von Pornografie, in der der Sex entpersonalisiert ist", sagte die Herausgeberin des Magazins "Emma" am Freitag der Nachrichtenagentur dapd. "Die Frau wird nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibt denkendes und handelndes Subjekt."
"Eine Frau schreibt über männlichen Sadismus - denn der ist das eigentliche Thema! - und über ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert."
"In einer Welt, in der immer mehr Frauen in die Chefsessel drängen, imaginiert so mancher verunsicherte Mann und Hausherr sich Frauen eben lieber auf allen Vieren als im aufrechten Gang."
Simulacrum
Die hartgesottenen BDSM Vertreter (Genrevertreter)
Sie meinen, sexuelle Unterwerfung als Pendant zu Stiletto-Power? Nein, sicher nicht. Ich denke, dass es etwas mit der Hingabefähigkeit zu tun hat. Dass das Subjekt nicht auf seiner Subjekt-Position beharrt, sondern sich aus ihr heraus begibt. Insofern ist Hingabe auch gar keine Autonomie-Abgabe, sondern, wie einmal jemand gesagt hat: Man muss sehr viel Aktivität aufwenden, um zu dieser Passivität zu kommen.
Als Simulacrum oder Simulakrum (Plural: Simulacra oder Simulakren) bezeichnet man ein wirkliches oder vorgestelltes Ding, das mit etwas oder jemand anderem verwandt ist oder ihm ähnlich ist. Der lateinische Ausdruck simulacrum leitet sich über simulo („Bild, Abbild, Spiegelbild, Traumbild, Götzenbild, Trugbild“) von simul („ähnlich, gleich“) ab. Die Bedeutung kann abwertend gemeint sein im Sinne eines trügerischen Scheins, sie kann aber auch positiv verstanden werden im Rahmen eines Konzepts produktiver Phantasie
Simulacrum als Erkenntnisinstrument [Bearbeiten]
Nach Roland Barthes rekonstruiert ein Simulacrum seinen Gegenstand durch Selektion und Neukombination und konstruiert ihn so neu. Es entsteht eine „Welt, die der ersten ähnelt, sie aber nicht kopieren, sondern einsehbar machen will“. Das Simulacrum ist insofern auch ein Merkmal der strukturalistischen Tätigkeit:„Das Ziel jeder strukturalistischen Tätigkeit […] besteht darin, ein ‚Objekt‘ derart zu rekonstituieren, daß in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine ‚Funktionen‘ sind). Die Struktur ist in Wahrheit also nur ein simulacrum des Objekts, aber ein gezieltes, ‚interessiertes‘ Simulacrum, da das imitierende Objekt etwas zum Vorschein bringt, das im natürlichen Objekt unsichtbar oder, wenn man lieber will, unverständlich blieb.“ (Roland Barthes: Die strukturalistische Tätigkeit. In: Kursbuch. 5. Mai 1966. S. 190-196.)
Simulacrum als Spur [Bearbeiten]
Jacques Derrida sieht das Simulacrum als Merkmal der Spur (und damit als Gegensatz zu Walter Benjamins Begriff der Aura):„Da die Spur kein Anwesen ist, sondern das Simulacrum eines Anwesens, das sich auflöst, verschiebt, verweist, eigentlich nicht stattfindet, gehört das Erlöschen zu ihrer Struktur.“ (Jacques Derrida: Die différance. In: Peter Engelmann (Hrsg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Reclam, Stuttgart 1990. S. 107.)
Medientheorie [Bearbeiten]
Das Simulacrum ist auch ein zentraler Begriff in zeitgenössischen Theorien der Virtualität bzw. Virtualisierung insbesondere von Gilles Deleuze, Paul Virilio, Pierre Klossowski und vor allem Jean Baudrillard. Baudrillard unterscheidet verschiedene historische Formen von Simulacren (Imitation, Produktion, Simulation) und beschäftigt sich besonders mit dem Simulacrum der Simulation als dem dominanten Simulacrum der durch Massenmedien bestimmten Gegenwartsgesellschaft. Das Kennzeichen dieses modernen Simulacrums besteht nach Baudrillard darin, dass die Unterscheidung zwischen Original und Kopie, Vorbild und Abbild, Realität und Imagination unmöglich geworden und einer allgemeinen „Referenzlosigkeit“ der Zeichen und Bilder gewichen sei.Auch in konstruktivistisch orientierten Medientheorien wird eine faktische Auflösung der klassischen Unterscheidungen und Differenzen konstatiert und unter den Schlagworten der Virtualisierung, Metamedialisierung, Autopoietisierung, Autologisierung, Kybernetisierung und Fiktionalisierung untersucht.
Literarische Rezeption des Begriffs [Bearbeiten]
Simulacra (Originaltitel: The Simulacra) ist der Titel eines Romans des US-amerikanischen Schriftstellers Philip K. Dick aus dem Jahre 1964. Dick verwendete ferner diesen Begriff häufig als Synonym zu „Android“, womit ein menschlich aussehender und agierender Roboter bezeichnet wird.Simulacron-3 ist der Titel eines Science-Fiction-Romans des US-amerikanischen Autors Daniel F. Galouye von 1964, in dem es um die Idee einer vollständig innerhalb eines Computerprogramms simulierten Scheinwelt geht. Der Stoff wurde zweimal verfilmt: Einmal als Welt am Draht (1973) von Rainer Werner Fassbinder, ein weiteres mal als The 13th Floor – Bist du was du denkst? (1999). Auch der Film The Matrix (1999) greift die Idee der Welt als Simulacrum auf.
Siehe auch [Bearbeiten]










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