Die Warteschleife

Warten oder Ei (mit Fragezeichen): was war zuerst da?  

Warten oder Ei (mit Fragezeichen): was war zuerst da?

Der nächste freie Platz ist für Sie reserviert (...)

(...) momentan sind alle Servicemitarbeiter im Gespräch.

Wir verbringen viel Zeit mit Warten. Warten auf den ersten Kuss mit dem neuen Flirt, warten auf den richtigen Zeitpunkt für das erste Kind, warten auf den Heiratsantrag, warten auf das Revival in einer Langzeitbeziehung. Warten, es möge endlich der richtige Mann am Horizont der Möglichkeiten aufkreuzen. Warten mit der Kündigung beim Job, der schon solange nervt. Manchmal warten wir aber auch nur ganz profan auf einen UPS-Boten oder stundenlang in der Serviceschleife der Telekom. Während wir warten kann viel passieren, sogar ganze Lebensabschnitte ziehen vorüber.

„Hören Sie auf mit dem Warten“, riet mir vor wenigen Wochen eine renommierte Astrologin. Mit ihrer Aussage traf sie ganz sanft aber sehr wirkungsvoll ins Epizentrum meiner Biografie  – etwas in mir wartet. Immer. Fühlt sich ungeliebt. Es möchte emotional genährt und beschützt werden; eine warme Mahlzeit könnte auch nicht schaden. Es ist klein und nicht erwachsen. Ich warte darauf, dass mir (ausgerechnet) ein Mann diesen Warteschleifen-Hunger stillt, mir einen ganzen Kuchen hinstellt, statt immer nur Krümel. Ich warte aufs Gesehen-werden und auf Verschmelzung. Aber Hormone und Phantasien sind wechselhaft und offenbar nicht auf Langlebigkeit ausgelegt. Und überhaupt: welcher Mann kann und möchte dauerhaft (Sex)-Gott spielen? Und drittens: Sex ohne Verbindlichkeit macht nur vorübergehend satt. Das ist wie mit den Schokoschnecken von „Zeit für Brot“. Oder dem Kick, mit 47 eine 200-Stunden-Power-Yoga-Ausbildung zu meistern.

Ich fragte die Astrologin – sie hatte sich Zeit genommen und schien Weisheit und viele Besucher-Tränen im Laufe ihrer Berufsjahre angesammelt zu haben - was mir dabei helfen könnte mit diesem vermaledeiten Warten aufzuhören. Überflüssig zu erwähnen, das ich von der Warterei erschöpft bin und nun selbst meine Duldsamkeit ausgereizt ist. Sie sagte, ich könnte Vertrauen üben, etwa Gott-Vertrauen oder generell den Plänen des Universums (für mich) oder wie ich diese Kraft auch immer benennen wolle. Selbst der Quanten-Physiker Max Planck glaubte an den Göttlichen Urgrund oder die Göttliche Matrix, so nannten er und seine genialen Physiker-Kollegen die universelle, mystische Kraft. Statt zu warten also: Gott-Vertrauen. Geht es nicht ein bisschen kleiner? Universelle Liebe für alle Wesen – nicht mehr nur für einen einzelnen, einem Mann, dem mein Quantum ohnehin zu viel wäre oder immer zu wenig, kommt drauf an, aus welcher Ecke der Wartezone man es betrachtet.

Ist das Warten nicht auch eine Haltung, die sagt: so wie es gerade ist, ist es nicht gut, also verbesserungswürdig? Ein Ausdruck einer Unzufriedenheit, gekoppelt mit der Vorstellung, anders wäre vermutlich besser. So halten wir uns auf im ewigen Rad der Suche, summ, summ, summ – die leise Klage „wenn ich noch das fühle, das besitze oder das Ziel erreiche, wird es endlich gut, immer in die Zukunft gerichtet, die blöde Karotte namens Illusion vor unserer Nase. Ich habe mal einen sehr schlauen Spruch gelesen: Das Paradies ist immer da, nur wir sind meistens woanders.

Ich werde mich wohl noch eine Weile betrachten, wie ich da sitze auf meiner persönlichen Wartebank, mit einer hübschen Warteschleife im Haar, meine Füße reichen kaum an den Boden (oder soll ich sagen an den Göttlichen Urgrund?). Vielleicht muss ich beherzt runter springen?!

Ich bin schon gespannt wie sich mein Leben anfühlt, wenn ich an den nächsten freien Servicemitarbeiter keine Erwartungen habe. Und Aufzeichnungen zur Qualitätskontrolle nicht zustimme und endlich meine AGBs befolge. Ich übe, der Liebe und dem Moment zu vertrauen. Vertrauen ist wie Gras, es wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Shine bright like a Diamond - morgens, wenn man statt auf Wünschen (oder Eiern) über Gott brütet

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