Ressort Literatur

Die dystopischen Zwölf #1 - Vollendet

Erstellt am 12. Juli 2012 von Friedelchen

Auszug aus der Charta des Lebens:[...] das menschliche Leben ist von der Empfängnis bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein Kind dreizehn Jahr alt wird, unantastbar.Im Alter zwischen dreizehn und achtzehn Jahren können Eltern ein Kind rückwirkend "abtreiben", unter der Bedingung, dass das Leben des Kindes "streng genommen" nicht endet. Der Vorgang, mit dem das Leben eines Kindes abgeschlossen wird, das Kind aber dennoch am Leben bleibt, wird Umwandlung genannt.

Die dystopischen Zwölf #1 - Vollendet

Connor ist sechzehn und ein Problemkind - also schicken ihn seine Eltern zur Umwandlung. Die Waise Risa wird vom Staat aus Kosteneinsparungsgründen ebenfalls zum Umwandeln geschickt. Lev ist ein Zehntopfer - seine religiösen Eltern haben ihn seit seiner Geburt als Opfer für Gott vorgesehen. Doch alle drei können ihrem Schicksal entkommen und müssen sich in einer Welt durchschlagen, in der ihr Leben nur noch ihre Einzelteile wert ist. Blut, Herz, Gliedmaßen - alle Teile des Körpers werden zu 100% weiterverwendet und einem neuen Besitzer verpflanzt. Aber wenn jeder Teil von dir am Leben ist, nur eben in jemand anderem... lebst du dann, oder bist du tot?
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Um es gleich vorweg zu nehmen: "Vollendet" gehört mit zu den besten Jugenddystopien, die ich bisher gelesen habe (und das waren doch schon eine Menge)! Alle, die sonst vor dem Jugenddystopie-Hype zurückschrecken, weil sie eine seichte Endzeitgeschichte mit zu viel Liebeskitsch erwarten, sollten hier unbedingt zugreifen, denn Neal Shusterman hat einfach alles richtig gemacht und setzt neue Maßstäbe, an denen sich die zukünftigen Jugenddystopien messen müssen!


Wir befinden uns in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der ein zweiter Bürgerkrieg Amerika einschneidend verändert hat. Nachdem sich Abtreibungsgegner und Befürworter einen erbitterten Krieg geliefert haben, wurde schließlich die Charta des Lebens verabschiedet, die das Leben bis zum dreizehnten Lebensjahr schützt. Danach kann ein Kind zur Umwandlung freigegeben werden. So geht es auch Connor, der erfahren muss, dass seine Eltern ihn umwandeln lassen wollen, als er in ihrem Schreibtisch das unterschriebene Formular findet. Auch Risa, die im Waisenhaus aufgewachsen ist, soll zum Umwandeln geschickt werden, denn der Staat hat einfach zu viele Mündel, um die er sich kümmern muss. Und Risa besitzt einfach keine außergewöhnlichen Fähigkeiten, die ihr Weiterleben rechtfertigen würden. Lev dagegen wächst seit seiner Geburt mit dem Wissen auf, nach seinem dreizehnten Lebensjahr als Zehntopfer umgewandelt zu werden, um Gott dem ihm zustehenden zehnten Teil von allen Besitztümern der Familie zu opfern.    Doch Connor beschließt, sein Schicksal nicht hinzunehmen, und trifft auf seiner Flucht auf die beiden anderen, die sich ihm mehr oder minder freiwillig anschließen. Fortan müssen sie gegen eine Gesellschaft ankämpfen, die so gar nicht versteht, wo eigentlich das Problem sein soll. Die Kids leben doch schließlich weiter und sterben nicht einfach.


Ich fand die Vorstellung am Anfang mehr als unverständlich, dass die Gesellschaft tatsächlich glaubt, die Wandler würden in ihren einzelnen Teilen weiterleben. Denn halloo? Das Bewusstsein eines Menschen sitzt ja wohl nicht in seiner rechten Hand oder seiner Niere. Aber unterwegs treffen Connor, Risa und Lev immer wieder auf Menschen, die von ihren "Ersatzteilen" auf die eine oder andere Weise bestimmt werden. Eine gruselige und doch auch tröstliche Vorstellung, dass von den umgewandelten Kindern tatsächlich noch Irgendetwas da zu sein scheint.


Das Buch beginnt sofort sehr packend und aufwühlend. Man wird direkt in eine Welt hineingeworfen, die dem Leser sehr unverständlich und schockierend erscheint. Da Babys nicht mehr abgetrieben werden dürfen, entscheiden sich viele verzweifelte Mütter, ihre Kinder zu "storchen", d.h. heimlich vor die Tür einer Familie zu legen, die das Baby als Finder daraufhin behalten muss. Ob sie wollen oder nicht. Und Ärzte, die Krankheiten behandeln, scheint es kaum noch zu geben, dafür aber jede Menge Chirurgen. Du hast einen Herzfehler oder ein blindes Auge? Kein Problem, es gibt einen ganzen Haufen frischer junger Herzen auf Lager, den Wandlern sei dank. Und welche Augenfarbe soll es denn sein? Wir haben hier die Augen eines fünfzehnjährigen Jungen, die besonders grün leuchten...

Zur Mitte hin schwächelte die Geschichte für meinen Geschmack etwas, es ging viel um die Flucht der Kids und wie sie auf Menschen treffen, die doch genug Gewissen besitzen, um ihnen zu helfen. Das war für mich nichts Neues, sondern eher fester Bestandteil einer jeden Dystopie. Aber zum Ende hin hat Neal Shusterman nochmal alle Register gezogen, um den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt zu nehmen. Und ich kann euch sagen, ich war sowas von emotional erschüttert! Es  passiert mir eigentlich eher selten, dass ein Buch so krasse Szenen enthält, dass ich fast anfangen muss zu weinen, aber bei "Vollendet" gab es tatsächlich am Ende eine Szene, die mir mit ihrer simplen, emotionslosen, widerlich kalten Beschreibung wirklich an die Nieren gegangen ist und bei der ich das Buch erstmal zuklappen musste. Demnach ist das Buch für sehr empfindsame Menschen vielleicht weniger geeignet. Allen anderen jedoch, die hervorragend geschriebene, mitreißende und emotionsgeladene Dystopien mögen, kann ich nur sagen: Lesen! Einfach nur lesen! 

Vollendet - Neal Shusterman
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Bibliographisches Institut, Mannheim; Auflage: 1 (1. August 2012)
ISBN-10: 3411809922
Preis: 16,99 Euro
Willis Fazit:Die dystopischen Zwölf #1 - Vollendet

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