Die Berufene | M. R. Carey

Die Berufene | M. R. Carey

Inhalt

Großbritannien, in der Zukunft: Ein grauenvoller Pilz hat sich in der Menschheit verbreitet und Millionen infiziert. Die wenigen Gesunden, werden von den sogenannten Hungernden bedroht. Doch es gibt Hoffnung. Auf einem kleinen entlegenen Militärstützpunkt befinden sich Kinder, die anders auf den Erreger reagieren. Mit ihrer Hilfe, könnte es gelingen, ein Heilmittel zu entwickeln. Den Wissenschaftlern ist jedes Mittel recht, um die Welt zu retten, doch es läuft nicht nach Plan..

Ein etwas anderer Endzeitroman, der sich vor allem durch seinen Schreibstil auszeichnet. Ein absolutes Highlight.

Eine sehr gute Freundin von mir hat „Die Berufene“ schon vor längerer Zeit gelesen und mir immer mal wieder in Erinnerung gerufen. Der dazugehörige Film war bereits in den Kinos. Als ich letzte Woche bei arvelle gesehen habe, dass es das Buch gerade günstig zu kaufen gab, habe ich es bestellt. Am Montag ist es angekommen und ich habe direkt die ersten 30 Seiten gelesen. Dann gab es kein halten mehr und die Geschichte hat mich derart gefesselt, dass ich das Buch nicht mehr zur Seite legen konnte.

„Der Tod und das Mädchen in einer kleinen Person vereint.“ (S. 39)

Wenn man den Klappentext so liest, dann erwartet man nicht unbedingt das, was man von der Geschichte bekommt. Ich habe mit einem Endzeitroman gerechnet, bei der sich die Menschen mit Zombies herumschlagen müssen. Das stimmt zum Teil auch, doch der Kampf steht überhaupt nicht im Vordergrund.

Melanie, ein kleines Mädchen von zehn / elf Jahren ist eine der Protagonisten. Sie lebt im Block 6 in einer kleinen Zelle mit Bett und einem Stuhl, an den sie gefesselt wird, wenn der Unterricht beginnt. Sie und all die anderen Kinder bekommen von drei unterschiedlichen Lehrern Unterrichtsstunden. Sie lernen schreiben, lesen, rechnen und etwas über Geschichte. Immer wieder werden sie durch Tests überprüft und vor allem der Unterricht von Miss Justineau gefällt Melanie. Diese Lehrerin ist besonders nett, zuvorkommend und wunderschön. Ein Miss Justineau Tag ist ihr liebster Tag und sie kann es kaum erwarten, wenn wieder Unterricht bei ihr ist.
Melanie ist sehr intelligent, wissbegierig und hat eine sehr hohe Auffassungsgabe. Sie kann gut kombinieren und schlussfolgert in den meisten Fällen richtig.

Als auf dem Militärstützpunkt alles schief geht und Melanie gemeinsam mit Miss J, der Wissenschaftlerin Caldwell, Sergeant Parks und Private Gallagher wird erst so richtig deutlich, wie intelligent das Mädchen ist. Sie ist zwar ein besonderes Kind, doch vor allem ihre Art, die Dinge zu sehen, haben mich für sie eingenommen.
Sie beschreibt die Welt auf so besondere Weise und würdigt Dinge, die man als normaler Mensch überhaupt nicht wahrnehmen würde. Es ist wunderbar zu lesen, wie sie für die kleinsten Erscheinungen Begeisterung aufbringen kann. Dabei stehen bei ihr jedoch immer im Vordergrund vor allem Miss Justineau zu beschützen. Diese Lehrerin ist ihre Bezugsperson und sie möchte sie um jeden Preis retten.

Die Art, wie der Autor das Mädchen darstellt hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Melanie ist so besonders und nur, weil sie so aufgewachsen ist, wie sie eben aufgewachsen ist, konnte sie so werden. Sie nutzt ihr Wissen, um das zu tun was richtig ist und das ist einfach großartig.

„Genau wie Pandora: Einfach die große Büchse namens Welt öffnen, ohne Furcht, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob etwas Gutes oder etwas Schlechtes dabei herauskommt. Weil beides kommt. Es kommt immer beides. Aber um das herauszufinden, muss man die Büchse erst öffnen.“ (S. 302)

Man liest jedoch nicht nur aus Melanies Sicht, sondern erfährt auch die Gedanken von Miss Justineau, der Wissenschaftlerin Caldwell, dem Sergeant Parks und von Private Gallagher. Die Gruppe könnte nicht unterschiedlicher sein und doch habe ich jeden von ihnen bis zu einem bestimmten Grad verstehen können.
Die Lehrerin hat, entgegen aller Warnungen, eine Bindung zu den Kindern aufgebaut und vor allem Melanie bedeutet ihr etwas. Sie versucht irgendwie das Mädchen zu retten, obwohl sie weiß, dass dadurch ihr eigenes Leben in Gefahr gerät. Ihr Charakter ist sehr stark und sie durchläuft, ebenso wie die meisten der Protagonisten, eine Entwicklung. Sie muss erkennen, dass nicht immer alles so ist wie es scheint.
Sergeant Parks hat sehr große Vorurteile gegenüber den Kindern auf dem Stützpunkt und durch seine Vergangenheit ist das auch nur allzu verständlich. Ihm fällt es sehr schwer Melanie Vertrauen entgegen zu bringen, was sehr gut zu seinem Charakter passt. Auch wenn er eigentlich kein sehr sympathischer Mensch ist, habe ich ihn direkt gemocht. Er ist ein Soldat und möchte die ihm unterstellten Zivilisten in Sicherheit wissen, dafür riskiert er alles und diese Entschlosseheit hat mich für ihn eingenommen.

Gallagher ist ein ängstlicher junger Mann, der England nur als das kennt, was es seit dem Parasit ist. Er kennt die Welt, wie sie einmal war, gar nicht. Und trotzdem ist er nicht härter. Seine Angst behindert ihn, lähmt ihn und macht ihn noch jüngerer als er eigentlich ist. Trotzdem ist er ein liebenswürdiger junger Mann der irgendwie versucht seinen Platz zu finden.
Ganz anders als Caroline Caldwell. Die Wissenschaftlerin ist skrupellos und versucht mit allen Mitteln eine Lösung für die Infektion zu finden. Sie ist in diesem Buch diejenige, die, außer den Hungernden, eine Gefahr für Melanie darstellt. Caldwell hat sich ganz der Wissenschaft und der Suche nach einem Heilmittel verschrieben und dafür möchte sie alles nutzen. Vor allem Melanie, die für sie sehr wertvoll ist. Sie macht keine Wandlung durch, sie bleibt im ganzen Buch die Frau, die mit aller Macht versucht die Welt zu heilen. Auf der einen Seite ist ihrer Entschlossenheit und die Risiken, die sie eingeht, bewundernswert, auf der anderen Seite macht es sie grausam und gewissenlos.

Alle Charaktere haben mich auf unterschiedliche Weise interessiert. Doch nicht nur die Protagonisten haben mich an das Buch gefesselt, sondern auch die Handlung an sich. Nach und nach lernen wir Großbritannien, wie es in dieser Zeit ist, kennen. Die medizinische Seite liefert uns Caldwell, was mich besonders begeistert. Alles klingt logisch, ergibt Sinn und könnte theoretisch genau so geschehen. Man kann die Vorgänge nachvollziehen und verstehen. In vielen Endzeitromanen wird diese Seite ausgespart. Es bleibt ein Rätsel, wie all das ausgelöst wurde, was mich immer frustriert hat. In diesem Buch gibt es eine Lösung, die nicht an den Haaren herbei gezogen ist. Alles ist plausibel. Die Spannung baut sich erst nach und nach auf und auch das hat mir sehr gut gefallen. Die Atmosphäre ist nicht voller Action und es geht nicht schnell und doch spürt man, wie alles langsam an Fahrt gewinnt und man erkennt, dass der Abgrund nicht mehr weit entfernt ist.

„So triumphiert die Hoffnung über die Erfahrung.“ (S. 216)

Das Ende des Buches hat mich sprachlos zurückgelassen. Das, was geschieht, ergibt für mich absolut Sinn. Es hätte nicht anders sein können, denn es wurde rational erkannt und entschieden. Ich habe zwar ein oder zwei Tränen verdrückt, doch ich bin sehr zufrieden und glücklich mit dem Ausgang der Geschichte. Alles andere, hätte sich für mich einfach nicht richtig angefühlt.

Fazit

Wenn ihr eine etwas andere Endzeitgeschichte lesen möchtet, dann greift unbedingt zu diesem Buch. „Die Berufene“ hat wunderbare Protagonisten, eine Handlung die zu einem fulminanten Finale führt und einen Schreibstil, den man nur selten so lesen kann. Die Geschichte wird fast schon poetisch erzählt und man spürt in jeder Seite, wie viel Liebe der Autor in dieses Buch gesteckt hat. Ich kann es euch nur ans Herz legen.


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