Den Mund voll ungesagter Dinge | Anne Freytag

Den Mund voll ungesagter Dinge | Anne Freytag

Das Leben der 17jährigen Sophie könnte einfach sein, wenn sie selbst darüber entscheiden könnte. Doch das ist es von Anfang an nicht. Ihre Mutter verlässt sie unmittelbar nach der Geburt, die Person, die sie eigentlich bedingungslos lieben müsste. Und nun entscheidet ihr Vater plötzlich, dass sie von Hamburg nach München zu seiner Freundin ziehen.
Einfach so, wird Sophie aus ihrem Leben gerissen, hinein in eine Familie, mit der sie eigentlich nichts zu tun haben will. Auf einmal hat sie zwei kleine Brüder, einen Hund und eine Stiefmutter.
Ihr Vater ist unendlich glücklich und die Liebe zwischen ihm und seiner Freundin ist deutlich zu sehen, Sophie selbst kann mit so etwas wie Liebe überhaupt nichts anfangen. Bis sie in München auf das Nachbarsmädchen Alex trifft. Zum ersten Mal versucht Sophie sich voll und ganz auf einen anderen Menschen einzulassen und spürt, dass auch ihr Leben voller Leichtigkeit sein könnte...

Eine Geschichte von Liebe und dem Erwachsenwerden, es hätte jedoch so viel mehr daraus werden können.

Den Mund voll ungesagter Dinge" habe ich bei einigen Bloggern schon vorab gesehen. Der Klappentext hat sich sehr interessant angehört, vor allem, weil ich noch kein Buch in dieser Richtung in meinem Regal stehen habe. Und dann noch eine deutsche Autorin, die sich traut über Homosexualität zu schreiben. Ich habe mich gefreut und das Buch direkt vorbestellt. Bevor ich es dann angefangen habe, habe ich bereits mehrere Tweets zu diesem Buch gelesen, sehr viele positive, aber mindestens genausoviele negative. Nun war die Neugierde groß: wie wird das Buch bei mir ankommen? Es war eindeutig nicht das, was ich erwartet habe.

„Ach, man kann nicht erklären, warum man etwas liebt. Man tut es einfach." (S. 81)

Das Buch beginnt mit einem Prolog, der bereits auf ein Ereignis vorgreift, das erst fast ganz am Ende der Geschichte passiert. Eigentlich mag ich Prologe sehr gerne, denn sie machen meistens Lust darauf herauszufinden, wie diese Situation entstanden ist. Man stellt sich die große Frage: Wie ist es zu diesem dramatischen Ereignis gekommen? Im Nachhinein denke ich, dass dieser Prolog nicht unbedingt nötig gewesen wäre, denn ich hatte irgendwann völlig vergessen, dass es ihn gegeben hat und erst, als ich wieder in dieser Situation war, ist es mir eingefallen, dass ich das doch schon einmal gelesen habe. Die Wirkung hat er also in meinem Fall eher verfehlt.
In meinen Augen bietet nämlich die Ausgangssituation bereits genug Konfliktmöglichkeiten. Ich brauche nicht noch zusätzlich etwas, das mich an die Handlung bindet und mich neugierig macht, denn ich will sowieso schon wissen wie Sophie mit der neuen Umgebung, der neuen Schule, neuen Menschen und vor allem der neuen Familie umgeht.

Sophie hat es mir als Leser sehr schwer gemacht, sie zu verstehen. Natürlich ist es für einen Teenager sehr schwer von zu Hause weg zu ziehen. Vor allem, wenn man weiß, dass es in das Haus der Freundin des Vaters geht. Eine neue Familie. Doch was muss Sophie zurücklassen? Sie sagt selbst, dass sie niemanden hat. Ihr bester Freund lebt in Paris, skypen kann sie überall. Egal ob sie in Hamburg ist oder in München. Das spielt keine Rolle. Sie hängt nicht wirklich an ihrer Schule in Hamburg, das Einzige, was ich sehr hart finde ist die Tatsache, dass sie und ihr Vater kaum Möbel mit nach München genommen haben. Allerdings hätte ich Sophie doch zugetraut sich in manchen Dingen durchzusetzen, doch nein, sie schluckt lieber alles hinunter und sagt nichts. Dabei beschwert sie sich in Gedanken von Anfang bis Ende. Sie ist ein unglücklicher, negativer Mensch, der sich selbst immer im Nachteil sieht. Dass sie aber auch einmal auf die Menschen in ihrer Umgebung zugehen könnte, scheint für sie nicht Infrage zu kommen.
Ihr Vater hat nach 17 Jahren endlich eine Frau gefunden, die er liebt und mit der er glücklich ist. Er hat auf sich geschaut und ist aus diesem Grund nach München gezogen. Sophie kann diese Tatsache nicht akzeptieren. Sie sperrt sich gegen alles. Zieht sich in sich selbst zurück und beschwert sich gedanklich rund um die Uhr darüber, dass sie einsam ist. Ich weiß nicht, ob ich einfach ein zu offener Mensch bin und es mir deshalb so schwer gefallen ist, sie zu verstehen aber dieses Verhalten hat mich auf die Palme gebracht. Wie kann man sich immer und immer wieder über das eigene Leben beschweren, ohne es einmal selbst in die Hand zu nehmen und etwas zu ändern?

Allerdings möchte ich ihren Vater trotzdem nicht bei allem in Schutz nehmen. Ich kann verstehen, wieso er umziehen wollte und natürlich bezieht er bei dieser großen Entscheidung nicht unbedingt Sophie mit ein, dennoch hat er sie in den ersten zwei Wochen recht vernachlässigt. Er verspricht ihr viel und hält nichts davon. Dass seine Tochter deshalb wütend ist, ist absolt nachvollziehbar. Für ihn, fällt sie jedoch grundlos aus allen Wolken und macht ihm, wenn sie es endlich einmal schafft den Mund aufzumachen, grundlos vorwürfe. Nicht gerade feinfühlig von ihm, dennoch mag ich Sophies Vater lieber als sie selbst.

Als Alex in das Leben der 17jährigen kommt, dreht sich ihr Charakter langsam aber sicher in eine bessere Richtung. Sie öffnet sich, lässt mehr gute Gedanken in ihren Kopf und versucht außer ihrem besten Freund, nun auch Alex an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Sie vertraut ihr und das tut dem Mädchen gut. Die beiden passen auf Anhieb zusammen, denn auch Alex ist für mich nicht unbedingt eine Sympathieträgerin. Auf den ersten Blick versucht sie es immer allen recht zu machen, bekommt aber in wichtigen Angelegenheiten den Mut nicht zusammengekratzt, um endlich die Wahrheit zu sagen. Sie sagt das eine und tut das andere, was verständlicherweise vor allem bei Sophie einen bitteren Beigeschmack hinterlässt.

„Ich bin einer von diesen Idioten, die sich immer gleich verhalten und dann wundern, dass sich nie etwas ändert." (S. 168)

Diese Aussage hat sehr treffen beschrieben, wie Sophie das gesamte Buch über war. Sie hat immer wieder Gedanken gehabt, die sie hätte einfach aussprechen sollen, um sich selbst Frieden zu bringen. Nein, sie hat alles hinuntergeschluckt und ist sehenden Auges in ihr eigenes Unglück gerannt. Sie weiß, dass sie nicht auf Parties gehen sollte, weil sie dann unkluge Entscheidungen trifft? Wieso tut sie es dann? Weshalb lässt sie sich auf Jungs ein, die sie nicht liebt und von denen sie weiß, dass sie sie nur für das eine ausnutzen wollen? Es ist mir unverständlich, dass eine 17jährige bereits auf diese Weise überhaupt mit Sex umgeht. Vielleicht bin ich da einfach zu altmodisch, um nachvollziehen zu können, dass man in dem Alter bereits im Sumpf des beinahe schon anonymen und bedeutungslosem Sex landet. Vor allem diese Passage in dem als Jugendbuch deklarierten Buch, hat mich eher sprachlos zurück gelassen:

„Die Wahrheit ist nämlich, dass ich fast immer Scheiße baue, wenn ich auf eine Party gehe. Ich nehme mir vor, nichts zu trinken, trinke dann aber doch jedes Mal, weil ich die meisten Menschen nicht nüchtern ertrage. [...] und auf einmal knutsche ich mit irgendeinem dahergelaufenen Typen, ohne zu wissen, wie das passieren konnte. [...] Und dann schlafe ich mit ihm. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Eigentlich liege ich nur mit gespreizten Beinen auf dem Rücken, starre an die Decke und warte, bis der jeweilige Typ fertig ist." (S. 166)

Ich habe nichts gegen Sex in Büchern. Ich habe auch nichts gegen Charaktere, die eine eher selbstzerstörerische Ader haben und sich deshalb in solche Situationen bringen. Ich störe mich aber daran, wenn so etwas in einem Jugendbuch stattfinden muss. Muss es sein, dass junge Mädchen und Jungs, die vielleicht gerade erst ihre eigene Sexualität entdecken, so etwas lesen? Hätte man Sophies Problem mit den Jungs und dem Sex nicht anders darstellen können? Hätte es nicht einen verantwortungsbewussteren Weg gegeben, sich damit auseinander zu setzen? Was vermittelt denn diese Situation jungen Mädchen? Dass es in Ordnung ist, sich so zu benehmen? Obwohl in dem Buch deutlich wird, dass Sophie ganz genau weiß, dass es nicht in Ordnung ist. Was ist also die Botschaft? Lass dich betrunken von einem Kerl flachlegen, obwohl du weißt, dass es falsch ist? Das sollte doch nicht Thema in einem Jugendbuch sein.
Von dem grauenvollen Spitznamen, den Sophie von ihrem besten Freund Lukas verpasst bekommen hat, möchte ich lieber gar nicht anfangen. Wer lässt es sich schon gefallen von einem Freund „Flittchen" genannt zu werden? Doch Sophie hat wahrscheinlich den Mund voll ungesagter Worte und kann sich deshalb nicht dagegen wehren.

Ein weiterer Punkt, der mich an diesem Buch wirklich geärgert hat, ist das Thema Treue. Es ist wie es ist, eine bzw. zwei Beziehungen spielen eine Rolle in dieser Geschichte und diese Beziehungen werden durch eine dritte Person gestört. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, wenn sich jemand neu verliebt, obwohl man noch in einer Beziehung ist. Solange diese Beziehung dann rechtzeitig beendet wird. Kein Betrügen, sonder Ehrlichkeit, sollte im Vordergrund stehen.
Doch nicht nur Teenager, die in diesem Buch vorkommen, scheinen von Treue nichts zu halten, sondern auch die Erwachsenen.
Es ist für mich wirklich nur schwer auszuhalten, wenn ich so etwas lesen muss und sich keiner, wirklich keiner, ernsthaft darüber Gedanken macht, was da gerade abläuft. Wenn die Erwachsenen sich gegenseitig betrügen ist das absolut inakzeptabel, wenn man aber selbst betrügt ist es in Ordnung? Wo ist hier die Logik? Und nicht nur derjenige betrügt, der in einer Beziehung steckt, sondern auch die andere Person, die mitten in eine Beziehung hineinpfuscht ohne sich Gedanken darüber zu machen. In dieser Geschichte passiert das in beiden Fällen wissentlich. Auch hier stelle ich mir die Frage, was die Botschaft dahinter sein soll. Treue wird zu eng gesehen? Man sollte nicht immer ehrlich sein? Nicht gerade das, was ich wünschenswert finde.

Worüber ich nun noch sprechen möchte, ist die eigentliche Thematik des Buches: es hätte doch eigentlich um Homosexualität gehen sollen. Was ich hier aber gelesen habe war ein Buch, das eben nicht mit irgendwelchen Klischees aufgeräumt hat. Man weiß zum Beispiel nur, wenn man jemand gleichgeschlechtliches küsst, ob man Homosexuell ist? Das wage ich zu bezweifeln. Ich bin mit diesem Thema zwar nicht sehr vertraut, weil ich keine persönlichen Erfahrungen mit Homosexualität gemacht habe. Aber ich hätte mir wirklich einen sehr viel offeren und vor allem tieferen Umgang mit der Frage nach dem „Wer bin ich eigentlich" gewünscht. Ich kann mir vorstellen, wie schlimm es für einen jungen Menschen sein muss, wenn einem bewusst wird, dass da irgendetwas anders ist. Dass man eben nicht der Norm entspricht. Zwar habe ich diesen Prozess nicht durchlaufen aber Fragen wie: Was, wenn es jemand herausfindet? Wie werden meine Eltern reagieren? sollten doch Bestandteil eines Buches sein, das sich mit Homosexualität beschäftigt. Wie soll dieses Buch einem jungen Mädchen helfen, das sich vielleicht gerade in einer solchen Phase befindet und denkt, dass dieses Buch vielleicht ein Licht ins Dunkel bringen kann? Alles was in diesem Buch mit Homosexualität zu tun hatte, war die sexuelle Anziehung zwischen Alex und Sophie. Tiefere Gedanken hat sich Sophie überhaupt nicht gemacht und gerade das fand ich sehr schade und enttäuschend.

Was mir an diesem Buch allerdings gut gefallen hat, ist die Art gewesen, wie Anne Freytag geschrieben hat. Ich kann mir sehr gut vorstellen, ein weiteres Buch von ihr zu lesen, auch wenn mir dieses Buch nicht so gut gefallen hat. Ihre Art zu schreiben hat etwas leichtes und einfaches. Die Seiten fliegen nur so dahin und plötzlich steckt man bereits mitten in dem Buch, ohne es wirklich zu merken. Ich habe in kürzester Zeit 400 Seiten durchgelesen, für die ich normalerweise eher eine Woche gebraucht hätte. Es hat mir auch sehr gut gefallen, dass man spürt, wie Sophie sich langsam ändert. Ihr Charakter gewinnt an Stärke, auch wenn sie noch immer nicht das ausspricht, was sie eigentlich denkt. Dennoch öffnet sie sich wirklich und das hat mir gut gefallen.
Außerdem habe ich mit Freuden die Playlist zum Buch auf Spotify gehört. Es ist immer schön sich vorstellen zu können, dass die Charaktere diese Musik gerade in dem Moment hören, in dem du sie auch hörst. Eine schöne Idee, die Lieder miteinzubauen und eine Playlist online zu stellen.
Auch wenn diese mir wirklich sehr gut gefallen hat, war ich im Nachhinein von dem Ende etwas enttäuscht. Durch Sophie hatte ich sowieso schon eher eine negative Grundhaltung und fand es zum Schluss hin doch etwas zu rosa und glücklich. Für mich wäre es durchaus plausibel gewesen, wenn es eben nicht dieses Ende gegeben hätte. Es hätte mehr zur Grundstimmung im Buch gepasst.

„Vielleicht ist sie das einzige Mädchen, das du je lieben wirst, vielleicht ist sie aber auch nur eine von vielen." (S. 372)

Das Buch war so ganz anders, als ich es erwartet habe. Der Schreibstil hat mir gut gefallen, das Tempo der Handlung war gut und die Entwicklung der Protagonistin hat mir gut gefallen. Doch alles was dazwischen war, hat mich eher skeptisch zurück gelassen. Ich konnte nichts mit Sophie anfangen, war sehr enttäuscht von der LGBT-Thematik und der Umgang mit Sex in diesem Jugendbuch war mir dann doch eine Spur zu hart. Das alles zusammen war einfach zu viel und deshalb möchte ich eher von diesem Buch abraten.

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