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Das Risiko-Gen und andere Legenden

Von Modesty

Gene waren der große Hype der vergangen Jahrzehnte – als ich Ende der 80er, Anfang der 90er Biologie studierte, herrschte in der Genetik fröhliche Aufbruchstimmung: Im Prinzip meinte die Wissenschaft kapiert zu haben, wie Gene funktionieren, und es gab nicht nur Methoden, Gensequenzen zu analysieren, sondern auch, um welche herzustellen. Sensationell! Ja, man konnte die DNA an bestimmten Stellen zerschneiden und andere Sequenzen dort platzieren! Erstmals gelang es, durch Veränderung des Erbgutes etwa Pflanzen mit neuen Eigenschaften herzustellen. Und bald, da waren die Forscher sehr optimistisch, würde man auch am menschlichen Genom Gendefekte reparieren können. Damit würde man beispielsweise Erbkrankheiten kurieren können. Inzwischen wurde viel Zeit und Geld in die Forschung gesteckt, aber das wichtigste Ergebnis all dieser Bemühungen ist ziemlich ernüchternd: es ist nämlich längst nicht so einfach wie gedacht.

Zwar haben die fleißigen Forscher inzwischen jede Menge Gene gefunden, die mit allen möglichen Krankheiten zu tun haben – aber das heißt längst nicht, dass ein Mensch, der eine bestimmte genetische Disposition hat, tatsächlich auch krank wird. Oft kann eine Störung auch gar nicht auf einen einzelnen “Fehler” im DNA-Code, ja nicht mal auf ein einzelnes Gen zurückgeführt werden, sondern handelt es sich um ein komplexes Zusammenwirken verschiedener Gene. Das wiederum gestört wird, wenn man an einem oder mehreren Genen herumschraubt: Dann funktioniert am Ende das ganze System nicht mehr, das die betreffenden Gene regulieren. Fatal für die Patienten.

Große Hoffnungen haben Genetiker und Mediziner auch auf genomweite Assoziationsstudien (GWAS) gesetzt. In solchen Studien werden in den DNA-Sätzen von Erkrankten in möglichst großen Stichproben nach statistischen Auffälligkeiten gesucht. Damit sollen so genannte “Risiko-Gene” gefunden werden, etwa für einen Herzinfarkt. Zwar lassen sich mit solchen, sehr aufwendigen, Untersuchungen tatsächlich irgendwelche genetischen Risiko-Varianten finden – für eine Prognose, ob ein Mensch tatsächlich erkranken wird oder nicht, taugen sie allerdings kaum. Die Aussagekraft sämtlicher gefundener Genvarianten, die auf das Risiko einer koronalen Herzkrankheit schließen lassen, ist zusammen genommen ungefähr so groß wie das einer der klassischen Risikofaktoren – also Alter, Ernährung oder Rauchen.

Und, selbst wenn man einen Patienten aufgrund einer spezifischen Genanalyse mit hinreichender Sicherheit einer Risikogruppe zuordnen kann: Was ändert das an den Ratschlägen, die man ihm gibt, um das Risiko einer tatsächlichen Erkrankung zu minimieren?! Man wird ihm sagen, was man auch allen anderen rät: “Rauch nicht, trink nicht zu viel, beweg dich genug, werde nicht zu fett und vermeide Stress.” Das kann sich jeder an den eigenen fünf Fingern abzählen.

In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass eine so eben veröffentlichte Studie der IARC besagt, dass etwa ein Sechstel der Krebserkrankungen weltweit auf Infektionen zurückzuführen sein sollen. Krebs gilt gemeinhin als die Geißel unserer Zeit – was natürlich auch daran liegt, dass in unseren Breiten heutzutage viel mehr Menschen die Gelegenheit haben, überhaupt an Krebs zu erkranken, weil sie nicht mehr an bereits ausgerotteten Infektionskrankheiten sterben. Sicherlich wird aber auch die Belastung mit immer mehr Giftstoffen eine Rolle spielen, da reicht das Spektrum vom Dioxin im Bioei über Antibiotika im Fleisch bis hin zur Radioaktivität im Waldpilz. Über die Risiken und Nebenwirkungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise wird es aber vermutlich nie eine seriöse Studie geben.


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