Ressort Gedichte

70. Held und Dichter

Erstellt am 18. Juli 2012 von Lnpoe

In der Welt interviewt Elmar Schenkeler Olga Martynova:

Das war am Beginn vom Ende der Sowjetunion. Konnte man da alles lesen, die Werke der Oberiuten etwa, jener Schule des Absurden um Daniil Charms, die auch immer wieder durch Ihre Texte geistern?

Von Charms war in der Sowjetunion der Achtzigerjahre zwar nicht alles, aber doch das meiste offiziell veröffentlicht. Die Gedichte der anderen wurden vor der Perestroika als Schreibmaschinenkopien weitergegeben. Das ist ja überhaupt die Hauptbeschäftigung eines Dichters in einem totalitären Staat: Wir waren immer auf der Jagd nach Texten.

So richtig gefährlich scheinen die russischen Absurden aber nicht gewesen zu sein. Helden und Widerständler waren sie nicht, schreiben Sie in ihrem neuen Band “Von Tschwirik und Tschwirka”.

Die meisten von ihnen wollten nur so wenig wie möglich mit diesem Staat und seiner Kultur und Literatur zu tun haben. Ich glaube aber, dass der Held und der Dichter zwei ganz unterschiedliche Berufe sind. Es gibt selbstverständlich Menschen, die versuchen, diese Berufe in einer, eben ihrer Person zu vereinen. Aber das gelingt meistens nicht: Gute Helden sind in aller Regel schlechte Dichter, und umgekehrt. Doch eine Position der Verweigerung darf man nicht unterschätzen. In einem totalitären Land ist es schon viel an Widerstand, wenn jemand in der Küche sitzt und nur frei denkt. Die meisten Menschen sind mit dem herrschenden Vorstellungssystem völlig einverstanden, sie nehmen es unkritisch an, und das ist auch das Ziel des Systems. Und wenn man das Andersgedachte dann noch aufschreibt und sei es in Form absurder oder komplizierter Gedichte, dann ist das nicht weniger wichtig als politischer Widerstand. In einer Gesellschaft, in der es unmöglich war, über Politik zu sprechen, weil Politik wie eine tägliche Naturkatastrophe war, die man hinzunehmen gelernt hatte, ist das Absurde per se politisch.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren :

Kommentar schreiben Beitrag melden Diesen Artikel drucken Auf Facebook teilen Original-Artikel zeigen
Zurück zur Startseite von Logo Paperblog

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren :

  • 10. Alle alle Juden Piff

      * * * Все все деревья пиф Все все каменья пиф Вся вся природа пуф Все все девицы пиф Все все мужчины пиф Вся вся женитьба пуф Все все славяне пиф Все... Weiter lesen

    Am 03 Dezember 2011 von   Lnpoe
    GEDICHTE, LITERATUR
  • 9. Zwei erotische Gedichte

    Daniil Charms An Marina Wohin Marina richtest du den Blick Den listigen in diesem Augenblick? Wozu lockst du mit kindlicher Grimasse Mich fort vom Tisch damit... Weiter lesen

    Am 03 Dezember 2011 von   Lnpoe
    EROTIK, GEDICHTE
  • 8. Charms und seine Zeit

    Für einen Exzentriker, einen Happening-Künstler muss die Zeit kurz nach der Revolution eine gute Zeit gewesen sein. Nie wieder gab es an Newa oder Moskwa eine s... Weiter lesen

    Am 03 Dezember 2011 von   Lnpoe
    GEDICHTE, LITERATUR
  • 111. Zwischen Rußland und Deutschland

    Kaum zufällig beginnt der Band mit einem Kapitel, das einen treffenden Titel trägt und so etwas wie eine Mini-Autobiografie, mithin auch eine Mini-Poetik... Weiter lesen

    Am 26 November 2011 von   Lnpoe
    GEDICHTE, LITERATUR
  • 14. Lyrik der Hölle

    2007 erschien im kleinen Wiener Verlag Edition Korrespondenzen ein Gedichtband, der die ganze Vorstellung über die Lyrik der Leningrader Katastrophe... Weiter lesen

    Am 03 September 2011 von   Lnpoe
    GEDICHTE, LITERATUR

Kommentar schreiben

Ressort